Anteilnahme

Das Wort Anteilnahme wird fast ausschließlich dann genutzt, wenn man sein Mit-leid über einen menschlichen Verlust mitteilen will. Meist handelt es sich um einen Todesfall.

Dies ist zumindest verwunderlich, da wir doch auch ohne schmerzvolle Erfahrungen anderer Anteil an deren Leben nehmen können. Doch drücken wir das nur selten aus, wie mit „Ich fühle mit Dir“ oder „das kann ich gut nachvollziehen“.

Ich selbst nehme vorsichtig am Leben anderer Teil, indem ich Mitmenschen gelegentlich und unaufgefordert schriftliche Informationen gebe, die sie interessieren könnten. Das sind dann Posts als Mails oder Zeitungsartikel. Die Adressierten nehmen es wahr, als ein Angebot – das aber nicht weiter zu kommentieren ist.

Das finde ich tatsächlich seltsam. Denn man zeigt darüber eine Anerkennung gegenüber dem anderen, der sie jedoch ignoriert.

Ich kann mich an einen kleinen Skandal aus meiner Vergangenheit erinnern, als sich ein so angeschriebener Freund verwehrte, weiter in Mails an mehrere mit einbezogen zu werden. Dieser ehemalige Freund ‚befahl‘, ihn zukünftig nur noch direkt und alleine anzuschreiben – oder gar nicht.

Auch erinnere ich mich eines anderen Falls, als eine Bekannte ausführte, doch bitte nicht solche Mails zu schreiben, die vermeintlich auch anderen Menschen wortgleich zuteil würden.

Beide Reaktionen stießen mir auf. Andererseits fühle ich mich auch selbst etwas bedrückt und zum Publikum verdammt, wenn ich einen dieser Rundbriefe erhalte, in dem die Eltern ein Jahr mit ihrer Familie dokumentieren. Ich entwickle dabei ein Gefühl, das ich das nicht lesen will.

Ich habe den Eindruck, dass der bloße Unterschied darin liegt, dass man eben Aufmerksamkeit exklusiv will – und sie nicht bereit ist, mit anderen zu teilen. Doch könnte es sich um diese psychologische Regel handeln, im Kollektiv anderen die Verantwortung zuzuschieben. Das zeigt sich auch darin, sich bei Verbrechen in unmittelbarer Nähe auf die anderen zu verlassen.

Eine gezielte Aufmerksamkeit ist also nichts. Das muss die Anteilnahme lernen.

Das ostdeutsche ‚man‘

Eine seltsame Entpersonalisierung fand zu Zeiten der DDR statt: das ICH verschwand aus der Umgangssprache, indem man auf eine neutrale und unkenntliche Form der Bezeichnung wechselte: das MAN, die Leute, die x und y.

Das weiß ich natürlich auch nicht annähernd, da ich im Westen und ohne Kontakte zu Ostdeutschen aufgewachsen bin. Dennoch höre ich das bei vielen Berichten von Zeitzeugen, die über damalige Verhältnisse berichten. Auch das kollektive WIR fehlt. Ich würde sagen: „WIR im Westen haben …“

Warum ist das so? Ist es Scham? Will man sich so einer vermeintlichen Mitverantwortung entziehen? Und gleichsam die Begründung mitliefern, alles Verhalten sei durch eine vorgeschriebene Norm erzwungen worden?

Ist diese sprachliche Finesse nur ein Zufall? Oder steckt dahinter ein soziales Rationale? Man ist bei Sprache immer versucht, eine Art von Vernunft bei der Fortentwicklung zu unterstellen. Doch kommt man damit normalerweise nicht weiter.

Im gesamtdeutschen Sprachraum setzt sich dieses Personen- und geschlechtsneutrale DU immer mehr durch: „wenn DU dann Durst hast, musst DU etwas trinken.“ Oliver Kahn ist der Treiber. Er hat es aus den deutschen Kabinen des Profifußballs mitgebracht.

Ich glaube aber, es auch schon im Rap Songs gehört zu haben. Auch dort verschwindet die ICH Form mehr und mehr – als ob das ICH immer empfindlicher und unaussprechlicher würde. Wahrscheinlich verschwindet es tatsächlich hinter den uniformierten Hüllen – armes ICH!

Die Faszination des Autoritären

Steinmeier hat anlässlich des 75.Gedenktages zur Befreiung vom NS-Regime eine Rede gehalten, die auf der Perspektive von Richard von Weizsäckers Rede 1985 aufbaute: dass das deutsche Volk von der Unrechtherrschaft befreit worden sei.

Er hat dies damit verbunden, den inneren Schweinehund des Nationalismus ins Visier zu nehmen. Er hat dies mit dem Begriff der ‚Faszination des Autoritären‘ getan – eine gelungene Formulierung. Denn man müsse sich auch von der inneren Versuchung befreien, dem Autoritären nachzugeben.

Man schaue sich das einmal an: man ist dankbar dafür, dass einer sagt, wo es lang geht; die Ermüdung über den Meinungsstreit hat ein Ende; die Einfachheit zur Erklärung der Umwelt ist verführerisch – auch für die Linken (was man kaum glauben kann). Die Autorität hat indes zwei Seiten: denn zum einen schreibt man einer Person, einer Clique, einem System zu, die Wahrheit zu kennen. Damit einher geht auch, dass sie die richtigen Maßnahmen ergreifen können, um aus jeglicher Krise zu kommen. Man delegiert dann die Macht, befreit sich von der eigenen Anstrengung und handelt also wie alle anderen Gläubigen auch. Man wird Teil einer Gefolgschaft.

Zum anderen aber ist das Autoritäre eben auch die Instanz, die sich gegen Andersmeinende richtet und Widerstände niederwalzt. Das können Einzelpersonen sein, aber auch Bewegungen oder staatliche Einrichtungen. Dann zeigt der Mensch seine hässliche Fratze, indem er sich auf die Macht des Stärkeren nicht nur beruft, sondern es auch nutzt. Schließlich legitimiert er sie sogar.

Das Autoritäre kann selbst unter seinen Opfern eine gewisse Faszination entfalten – so seltsam es klingt. Ich habe schon gelegentlich Kinder von strengen Vätern getroffen. Es waren meist Frauen. Und als Erwachsene haben sie sich dann einen Mann gesucht, der so wie der Vater handelte. Dies ist verquer, da sich doch der Widerstand stets gegen den eigenen Vater und seine Befehlsgewalt richtet. Jedoch ist die Freiheit des Handelnden mit der Zeit dann nicht mehr die erste Wahl, wenn man weiß, wie man unter der Gewaltherrschaft zurecht kommen kann. Kinder von strengen Eltern lernen eben, damit umzugehen und gar eine Meisterschaft darin zu erlangen.

Das Autoritäre ist indes selbstverständlich von der Autorität zu unterscheiden.

Eine gute Figur machen

Im Rennen um den CDU-Parteivorsitz hat der NRW-Kandidat Armin Laschet eine schlechte Figur gemacht; Markus Söder hingegen eine gute.

Liest und hört man von dieser Einschätzung, so beginnt man darüber nachzudenken, was unter einer ‚guten Figur‘ wohl zu verstehen ist. Konkret wissen wir vermutlich, was eine ‚gute Figur‘ ist. Doch was heißt das hier?

Eine ‚gute Figur‘ ist natürlich – auch – die Physis. Denn ein Körper mit dem Augenschein geringer Leistungskraft ist bedauerlich; kann er sich doch weder schützen, noch angreifen, ergo im Kampf und Wettbewerb nicht bestehen. Daher hat er keine Berechtigung für eine Führungsrolle. Gleichzeitig ist er – wie Pickel im Gesicht – etwas, was der Attraktivität abträglich ist: man würde sich nie körperlich darauf einlassen, eher ekeln; für den Fortbestand der Spezies also völlig unerheblich.

Eine ‚gute Figur‘ jedoch ist eben auch der Eindruck, den jemand gibt: und der ist für jeden anders. Also hängt die ‚gute Figur‘ im Namen des Betrachters.

Die gute Figur ist eine Wette auf die Zukunft: wer könnte für mich und uns einen potentiellen Vorteil in der Zukunft erringen?

Und wer bedient meinen sehr spezifischen Glauben mehr als mein Abbild von Fähigkeit? Hierzu gibt es natürlich gesellschaftliche Glaubenssätze, die nirgends besser ausgedrückt werden als durch journalistische Bewertungen: der scheint fähig, der hingegen weniger. Und so folgen wir dem Trommelfeuer der Berichterstattung.

Also nochmals: ist Söder nicht der richtige? Der Politiker gab in der Pandemie den Anschein, sich strikt um die Gesundheit der Bevölkerung zu kümmern; er schien sich durchzusetzen, Kante zu zeigen; er machte den Eindruck, seine Administration im Griff zu haben: Doch was zeigt das Ergebnis? In Bayern tobt das Virus wie nirgendwo; die Pannen der Testverfahren häufen sich; und wieso wurde der Mann in den letzten Monaten nicht über andere Äußerungen und Maßnahmen wahrgenommen? Wie also bekommt er es hin, Vertrauen zu bekommen? Seine Figur bleibt schemenhaft.

Hitlers Freund

Vor Wochen sah ich eine Dokumentation über Hitlers Jugend und Adoleszenz. Ich war ziemlich erstaunt, von einem persönlichen Freund zu erfahren, von dessen Existenz ich nun erstmals hörte. Man muss sich das vorstellen: da ist einer, der mit dem Massenmörder und gedanklich Entgleisten in einer Phase zu tun hatte, als der schwach war und sich ausprobierte. Und dann war er der Gott gleiche Führer, der schließlich die halbe Welt in ein Inferno riss und zur Hölle machte.

Es handelt sich um August Friedrich Kubizek, einen wohl durchschnittlichen und repräsentativen jungen Mann seiner Zeit. Von Photos sollte man nichts ableiten, obgleich die Überlieferung des Gesichts zu reichlich Assoziation Anlass gibt.

Was war das für ein Typ? Wie hat er den Teufel Nr. 1 des Jahrhunderts wahrgenommen? Könnte er etwas von der damaligen Zukunft vorhersehen? Und hätte er dem Kumpan nicht früher den physischen Garaus machen und somit der Welt so viel an Leid ersparen können?

Diese Frage zu stellen, ist natürlich Unfug und unnütz, da sie den Lauf der Vergangenheit nicht mehr ändern kann. Geschichte lässt sich niemals neu gestalten, nur neu schreiben. Es sei denn, man leugnet schlicht historische und somit überlieferte Sachverhalte.

Doch die Spekulation über eine offene Frage lässt einen gleichzeitig auch besser verstehen, wieso es passiert ist und wieso es so erfolgte, wie beschrieben.

Kubizeck schließlich schrieb nach Ende des zweiten Weltkriegs ein Buch (Adolf Hitler, mein Jugendfreund, 1953), um sich von Hitler zu distanzieren. Ich würde wetten, dass er das 12 Jahre nicht getan hatte.

Was also machte ihn zur Stütze eines Irren? Es war wohl schlicht die materielle Not, sich zusammen zu tun.

Mängelwesen

Der in der breiten Öffentlichkeit vergessene Helmuth Plessner hat den Menschen als Mängelwesen bezeichnet, so wie er sich biologisch darstellt: ohne Angriffswaffe, quasi nackt ohne schützendes Fell, in Stärke und Schnelligkeit vielen Tieren unterlegen und so weiter und sofort.

Heute hauen wir uns auf die Schulter und bestätigen uns untereinander, dass wir die Krönung der Schöpfung sind. Immerhin tickt auf diesem Planeten so ziemlich alles nach unserem Handeln – leider auch unkontrolliert, da sonst keine Kriege und eine Erderwärmung samt Umweltzerstörung stattfinden würden.

Das jedoch kümmert uns nicht in unserem Selbstbewusstsein. Doch man prüfe sich sorgfältig, ob wir nicht einzeln das genaue Gegenteil dessen sind, was wir als Gruppe ausmachen: wir sind schwach, ohnmächtig, für uns selbst ohne andere zu sorgen.

Ebenso eklatant ist das Missverhältnis zwischen kollektivem Weltwissen und dem des einzelnen. Wir haben nur einen winzigen Ausschnitt an Wissen zur Verfügung. Zwar haben wir durch unser Alltagswissen unser Leben weitgehend im Griff; doch wissen und können wir eben so viel nicht.

Und dazu zählt auch das Grundlagenwissen. Mir fällt das bei dem Bildungskanon genauso ein wie bei der Kenntnis unserer natürlichen Umwelt. Wieviel Opern hat Beethoven nochmals geschrieben? Oder um welchen Baum handelt es sich da vorne? Eigentlich laufen wir wie Blinde durch unsere eigene Heimat.

Uns dann muss man sich nicht auch Frage, ob mit einer geistigen und emotionalen Höherentwicklung auch eine größere Fragilität einher geht. Kann ein Baum eine Depression haben? Will sich ein Schwein selbst verwirklichen? Werden wir durch unser Potential nicht genau dort gebremst, wo wir es nicht entfalten können? Und ist das nicht eine enorme Schwäche? Denn hätten wir nicht die Möglichkeit, dann wären spürten wir auch keine Mängel.

Ohnehin merkt man sich – nach irgendwelchen Forschungen – 7x mehr die schlechten Dinge des Lebens als die guten. Es gibt posttraumatische Störungen, aber kaum Nachhaltigkeit von glücklichem Empfinden; eher wird es als normal angenommen. Eine Bevölkerung, die eine rückschrittliche Entwicklung erfährt, wird rebellieren, eine Bevölkerung im Wohlstand sich nur aushalten, aber nicht nachhaltig glücklich sein.

Und dann kommt da noch diese Langeweile hinzu. Als Kind will man beschäftigt werden. Als Erwachsener will man Sinnerfüllung. Je älter man wird, desto desillusionierter blickt man auf das eigene Sein. Und am Ende eines Lebens ist man nur noch dessen froh, aus dem Fenster zu schauen und Vögel zu beobachten. Ein Elefant zieht sich dann an ein Wasserloch zurück und stirbt. Ein Mensch jedoch braucht selbst im Tod noch Fürsorge.

Mein Leben als Null

Es kommt immer darauf an, was man zeigen will. Ist man entschieden, den Mitmenschen die eigene Stärke und Leistungsvermögen zu demonstrieren, war man immer vorne dabei. Der eine meiner beiden Großväter war so einer: „und ich war immer vorne wech.“

Ist jedoch ein Projekt schiefgegangen, will es keiner gewesen sein. Alle Bevölkerungen dieser Welt können nichts für ihre Diktaturen. So war es und wird es wohl noch länger sein – es sei denn, der Mensch entwickelt sich so, wie er glaubt, sein zu müssen.

Man kann daraus eine – vielleicht zweifelhafte – Tugend machen: beschreiben Sie ihr Leben einmal als eine Null! Unbeobachtet, gemieden, erfolglos, unglücklich und voller Desaster. Vermutlich werden Sie danach mit welchem Leben sie gerade auch immer führen äußerst zufrieden sein.

Interessant ist eine andere Variante: was wäre mit den Menschen passiert, die Ihnen nahe sind? Wer hätte Ihre Lücke gefüllt? Sind wegen Ihnen gar Lebensläufe anders verlaufen? Das Spekulieren darum eröffnet uns wohl auch einen Blick darauf, dass wir zumindest Kreise gezogen haben.

Und dann stellen Sie sich schließlich vor, Ihre größten Erfolge wären eigentlich Totalausfälle gewesen: den höchsten Schulabschluss versenkt; den Traumpartner sausen lassen; oder den Urlaub in x abgebrochen. Und die Kehrseite der Medaille wäre dann genau das Gegenteil: das große Scheitern wären die Höhepunkte gewesen.

Sicherlich stellt sich bei Ihnen das Gefühl ein, dass auch hätte alles anders werden können. Das ist wohl wahr: unser roter Faden ist so dünn; wir sind nur Ein-Faden-Schneider unseres eigenen Schicksals.

Ministerien dienen

Ministerien von Staaten können immer wieder neu begründet werden, wenn einzelne Themen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. In den letzten Jahren machten zwei Entwicklungen Furore.

Zunächst legendär ist das Ministerium für Glück im Bhutan 2010. Denn es setzte ein echtes Zeichen. Und in 2018 kam dann das Ministerium für Einsamkeit im Vereinigten Königreich hinzu.

In Deutschland gibt es nur ein Kunstprojekt, das diesen Namen trägt, das Ministerium für Glück und Wohlbefinden: https://ministeriumfuerglueck.de/. Darunter wurden Aktionen und Workshops, wie für das positive Mindset durchgeführt.

Die Idee des Bruttonationalglücks will das BNP ersetzen, das auf wirtschaftlichem Wohlstand basiert: „Das Bruttosozialglück steht (im Gegensatz zum Bruttonationalprodukt) für die Idee, dass das Weiterkommen einer nachhaltig zusammenwachsenden Gesellschaft davon abhängt, dass eine Balance zwischen materiellem und emotionalem Wohlbefinden besteht. Ein ganzheitliches Zusammenspiel von spirituellen und kulturellen ebenso wie materiellen Inspirationsquellen fördert die positive Entwicklung der Menschen, die sich als Teil der Gesellschaft geschätzt und wahrgenommen fühlen. Dies macht die Qualität einer geistig gesunden Gesellschaft und dadurch auch starken Nation aus.“ (aus: https://www.bhutan-horizonte.de/bhutan-bruttonationalglueck.html)

Zwischenzeitlich gibt es viele andere Initiativen, wie für ein Schulfach Glück.

Anbieter von Trainings nehmen sich dessen an, wie das Glücksinstitut in Berlin.

Die Staatsräson nähert sich den modernen Bedarfen an, die eben nicht mehr nur materielle sind, sondern die Bedürfnispyramide von Maslow hochgeklettert sind. Denn zwischenzeitlich gelten Sicherheit, Ernährung und Wohnen als garantiert.

Dass die US-Verfassung the pursuit of happiness zum Staatsziel gemacht hat, gründete möglicherweise auf einem Irrtum. Denn Glück sollte hierbei nicht sein, was man 250 Jahre später darunter versteht. Es ging damals eher um ein Ankommen in einer Heimat, die man in Selbstverantwortung gestalten konnte – angesichts der Erfahrungen in Europa, wo Krankheit, Bevölkerungsdruck, Krieg und religiöse Auseinandersetzungen tobten.

Es könnten in Zukunft noch viele weitere Ministerien dazu kommen, wie für Lebenserfüllung. Dann würde der Staat tatsächlich eine neue historische Phase eingeleitet haben. Gerade in einer Zeit, in der jeder seine Freiheit nutzen können will, glaubt man, sich auf einen realen Umsetzer verlassen zu müssen. In der Zeit vor der Aufklärung war es Gott, auf den man sich verließ. Jetzt sind es die Kommunalverwaltungen, das Parlament und der Regierungsapparat, die es richten sollen.

Verschwörungstheorien

Ich weiß nicht, ob man sich über Verschwörungsthesen sorgen sollte. Man müsste zunächst versuchen zu spekulieren, welche negative Folgen überhaupt daraus erwachsen können.

Bei einer Prüfung sollte man nicht vergessen, auch eine mentale oder kognitive Erkrankung in Erwägung zu ziehen. Zumindest dürften die Geschichten nicht der alltäglichen Logik und dem durchschnittlichen Weltwissen entsprechen. Immerhin geraten hier Bilder, Worte und Logiken wild durcheinander, also ob jemand ein Puzzle gestartet und fehlerhaft zusammengesetzt hätte. Dieser Mangel an Norm-Normalität könnte als Krankheit verstanden werden.

Man müsste auch versuchen zu analysieren, wer solche Verschwörungs-Erfinder sind: wollen die nur wichtig sein? Glauben sie, zu den Auserwählten zu gehören, die die Welt erklären können? Ist es das schaurige Gefühl, Mitmenschen beeindrucken zu wollen?

Ich kenne dies anders gewendet: „Ich kenne den besten Honig-Macher der Stadt“ ist die recht unbescheidene Vorstellung, selbst den Meister zu küren; mit ihm auf Augenhöhe und Kontakt zu sein; und damit werter als andere zu sein.

„Ich habe gestern den Spitzenpolitiker x gesehen. Ich habe mit ihm nicht gesprochen.“ Und schon wieder fällt auf den Erzähler der Glanz des Namens und die Prominenz des anderen.

Tatsächlich lassen sich Menschen von solcherlei beeindrucken – würden sie nicht sonst dieses Muster nachahmen und sich selbst darstellen?

Der Voyeurismus angesichts von Unfällen entspringt wohl einer ähnlichen Logik.

Andererseits gibt es den Schauer des Geheimnisses, der Mystik und der Exklusivität. Es sind die Exzellenz und die Überlegenheit, die einen reizen, sich als Wissende mit anderen zu vergleichen.

Verschwörungen sind ja nichts anders als fehl geleitete Mutationen von kognitiven Gewittern. Sie sind ein wenig wie biologische Fehler, die aber in Wirklichkeit eine Wirkung entfalten.

Im Mittelalter nannte man das noch Aberglaube. Der aber jedoch wurde von der Kirche definiert, die nach dem Wesenskern des Katholizismus nur den einen Glauben zuließ. Damit ähnelt sie zumindest der säkularen Variante der Wahrheit heutzutage. Maßstab von Wahrheit heute ist Wissenschaft.

Verschwörungsthesen sind harmlos, sollen doch die Theoretiker vor sich brabbeln. Es wird nur dann gefährlich, wenn sich die Anhänger zum Handeln berufen und genötigt fühlen, um irgendein Gut zu bewahren. Ein düsteres Beispiel dafür dürfte die Hexenverfolgung sein, als man vermeintlich den Bösewichtern habhaft wurde.

Es handelt sich dabei um einen kollektiven Wahn. Wie häufig nur liest man von den Sekten, die sich dem Hier und Jetzt durch kollektiven Selbstmord entziehen? Die glaubt, dass das Ende der Zeit angebrochen sei?

Wie der Schwur in das Wort Verschwörung kommt, weiß ich indes nicht: vielleicht geht es in der Tat immer nur um das Zusammensein im Anderen. Das ist auch schön als Gefühl: man ist anders als die Mehrheit; und dennoch nicht alleine.

Von laut und leise

Menschen sind sehr unterschiedlicher Lautstärke: die einen sind leise, die anderen lautstark. Beides kann auf die Mitmenschen magisch wirken; das hängt von ihren Dispositionen und aktuellen Stimmungen ab.

Die Bedürfnisse der Hörer sind eine Mischung von aktuellen und strukturellen Elementen. Aktuell ist die Stimmung, ob man eher Ruhe oder Aufregung sucht. Das Alter kennt unterschiedliche Toleranzen. Zudem spielt wohl auch der Stress eine Rolle, der beispielsweise bei Hitze steigt. Strukturell sind Menschen wohl in starker Abhängigkeit von der Lautstärke, wenn sie Menschen bewerten.

Typen könnten die Beweger sein, die an ADHS leiden oder Jugendgangs anführen. Sie sind wie von einer Winde angezogen und spulen sich einfach ab. Typen sind auch die solitären Schweiger, die da sind, ohne dass sie bemerkt würden.

Es gibt ein Bedürfnis nach Schweigen: vor vielen Jahren las ich ein Interview mit Larry Hagman, der in Dallas JR Ewing spielte. Es hatte sich zur Regel gemacht, sonntags einfach nicht zu reden: „Man spricht ohnehin zu viel, vor allem als Schauspieler.“ Und just das hat gerade Emma Thompson in einem Interview auch gesagt. Schweigen sei ihr Normalzustand.

Schweigen wird auch als eine Methode verstanden, sich nicht zu versündigen und sich rein zu halten. Das Schweigegelübde der mittelalterlichen Orden sollte das individuelle Verhältnis zu Gott vertiefen helfen. Und tatsächlich stellte sich eine gesamte Bewegung in den Dienst des Schweigens, nämlich die Kartäuser Bewegung.

Die Abkehr vom Weltlichen lässt sich in der Klosterpraxis sehen, die heutzutage gestresste Unternehmer zum Innehalten einlädt. Das zeigt sich auch in säkularem Firmen, wie Orten der Einsamkeit:

https://m.spiegel.de/reise/fernweh/extrem-abgelegene-hotels-still-weit-weg-a-1286406.html

Gleichzeitig aber gibt es Menschen, die Lautstärke brauchen. Dann fällt mir immer der Spanier an sich ein. Ich glaube, dass er sich einsam fühlt, wenn nicht jemand in seiner unmittelbaren Umgebung laut spricht, ja schnattert.

Ich mag Musik, nur wenn sie laut ist, singt Herbert Grönemeyer über die Tauben.