Großmanns Getue

Männer tendieren dazu, Stärke zu demonstrieren. Das ist das anthropologische Erbe der Vorzeit.

Wir alle wissen, wie das aussieht: es ist diese Körperhaltung, bei der man die Schultern hochzieht und ein wenig nach vorne neigt. Es ist eine Geste der Bedrohung, die sich vor allem bei jungen Männern zeigt. Dazu kommt der breitbeinige Gang, der wohl Körperfläche demonstrieren soll. Muskeln gehören auch dazu, am besten entblößt; der Bizeps nimmt dabei eine repräsentative Stellung ein, soll ein pars pro toto für die körperliche Stärke sein.

In der Gestik des Gesichts spielt sich die vermeintliche Coolness ab, die mit der Vermeidung von jeglicher sozialen Einladung einher geht: die Augenlider gesenkt; der Blick starr; kein Lächeln, das als Aufforderung zum Kontakt interpretiert werden könnte. Dieses Ensemble ließe sich als Modell des Einzelgängers interpretieren, der durch das Leben driftet.

Das Alles passt in die Zeit des Steppenläufers, als der lone some Cowboy geboren wurde. Der streifte durch die Weiten und konnte sich der Gefahren erfolgreich erwehren. Er war eher der Krieger denn der Versorger, der Nahrung organisierte.

Sprichwörtlich sind die Alpha Tiere geworden, die sich in den sog. Vorstandsetagen breit gemacht haben. Dort soll es ein Hauen und Stechen geben; es soll um permanentes Positionieren gehen. Kürzlich nahm ich in ‚Bahn mobil‘ das Bild mit: „an der Wall Street geht es nicht um Geld, sondern um Macht und die Vermeidung von Machtverlust.“

Und oft lassen sich so auch Männer lesen, die sich des Repertoires des großen und starken Mannes hingeben. Heutzutage aber kommt man mit körperlicher Stärke nicht zum familiären und beruflichen Erfolg. Also wenden sich die neuen Männer immer mehr von dem Getue ab. Sie werden weicher und verlässlicher, also sozialer. Wenn kein Krieg ist, braucht man den ständigen Verweis auf Stärke auch nicht mehr.

Und dennoch: auch die heutige Zeit verlangt Stärke. Das Getue wandelt sich: denn man kann auf andere Stärken verweisen, von dem man glaubt, dass sie den anderen beeindrucken, zuweilen auch einschüchtern sollen. So ist die Demonstration von Wissen und Bildung eine Möglichkeit; der Verweis auf die vielen und guten Freunde wäre eine Option; eine weitere könnten die Ressourcen sein, wie Vermögen und Geld; oder aber man erklärt sich einfach als besser aussehend.

Es ist aber noch da, das Getue des Mannes – wie wohltuend und gelichzeitig anachronistisch. Da läuft er Marathon; er geht ins Fitness Studio: Der Mann geht mit der Stirn auf den anderen zu – und plötzlich ist Rudelbildung. Und wenn alles nichts mehr hilft, reicht es auch, sich selbst zu versichern: „dem habe ich es aber gezeigt.“

Schuld und Verantwortung

Kürzlich offenbarte eine zeitliche Koinzidenz, dass wir modernen Menschen eine gedankliche Ungenauigkeit mit uns herumtragen, die unser behalten stets beeinflusst. Es handelt sich um diffuse Ehe von Schuld und Verantwortung.

Plakativer Anlass sind zwei Rechtsverfahren, bei denen es um Schuld geht: zum einen handelt es sich um das Unglück bei der Love Parade in Duisburg, das nun eingestellt wird; zum anderen handelt es sich um den absichtlichen Absturz der German Wings Maschine 2015. Hier kommt es gerade zu einer Revision des Urteils. Denn die Hinterbliebenen wollen mehr Geld.

Im Wortlaut offenbaren sich die Probleme. Der Gerichtssprecher fast zu dem Prozessende zur Love Parade zusammen: „Tatsächlich waren viele in der Verantwortung. Doch Schuld haben sie nicht einzeln auf sich genommen. Daher ist es auch nicht gerechtfertigt, einzelne zu verurteilen. Vielmehr hat es eine Verkettung von misslichen Umständen und Fehlentscheidungen gegeben, die am Ende das Unglück ausgelöst haben.“

Eine der Hinterbliebenen des Flugzeugabsturzes argumentiert auf die Frage hin, wieso denn die Entschädigung der Lufthansa nicht ausreicht und eine erneute Klage angestrebt würde: „für das erlittene Leid ist die Summe einfach nicht hoch genug. Die Fluggesellschaft hat so viel an Schuld auf sich geladen, dass die Summe höher sein muss. Schließlich sei es moralisch nicht ausreichend.“

Und in beiden Fällen obsiegt die innere Stimme, dass hier kein Recht gesprochen werde. Denn menschliches Leid vor allem von Hinterbliebenen müsse ‚honoriert‘ und angemessen ausbezahlt werden. Es könne auch nicht sein, dass bei einem Unglück nicht irgendein Mensch Verantwortung tragen solle; und niemand gar schuldig sei.

Ähnliches hatte ich auch schon bei der politischen Reaktion auf das Attentat am Berliner Breitscheidtplatz verfolgt, als eine staatliche Hinterbliebenenversorgung eingefordert wurde: wenn der Schuldige schon nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden könne, dann müsse doch wenigstens der Staat diese moralische Untat wieder auflösen.

Man könnte bei jedem größeren Unglücksfall dieselben Muster finden: die Trauer kann nur ertragen werden, wenn auch eine Ursache für das Unglück ausgemacht werden kann. Zumindest will der Mensch verstehen. Es ist ähnlich dem Nachtrauern einer Person, die an einer Krankheit verstorben ist. Man will verstehen, wieso es gerade diesen Menschen getroffen hat. Die Krankheit, die nicht dem Normalmaß entspricht, müsse eine eindeutige Ursache haben, für die am Ende jemand verantwortlich sein müsse.

Auch im öffentlichen und offiziellen Raum gibt es eine Verantwortung von Amtsträgern, die keine persönliche Schuld trifft – und dennoch ihre sog. Amtspflichten verletzt haben. Sie bezahlen das mit dem Amt. Und auch Eltern tragen für ihre Kinder die Verantwortung, wenn sie Unsinn treiben und materiellen Schaden verursachen. Ob sie es nun verhindern können oder nicht.

Man kann sich alles andere als über diesen inneren Zwang erheben oder gar lustig machen. Der Mensch will für einen Vorgang die Ursache kennen. Das macht ihn schließlich aus. Hätte er diesen Drang nicht, würde es wohl niemals Innovation, Forschung und Lernen geben. Es ist dem Menschen immanent.

Doch könnte es sein, dass es eben keine eindeutigen Ursachen für Katastrophen und Unglücke gibt. Die bloße Personifizierung der erbrachten Sühne ist eine Projektion: schreibt man jemand Schuld zu, so fühlt man sich entlastet. Doch ist das eben oft weder schlüssig noch logisch: denn Umstände können auch schuldig sein. Und wer könnte die schon beeinflussen?

Will man Menschen für Schäden durch Erdbeben verantwortlich machen? Dass sie ihrer Aufsicht nicht nachgekommen seien? Welche Hybris! Denn sie unterstellt doch, dass alles steuerbar sei, Fehler nicht existierten. Das eben gehört zur Welt. Ohne Fehler, Unzulänglichkeiten, Unbekannte Welten wäre alles zu Ende: es gebe niemals einen Schuldigen oder Verantwortlichen mehr – denn es passierte dann ja auch nichts!

„Sie haben sich verirrt“

Welch schönen Satz hörte ich gerade in einem TV-Krimi! Dass ein Täter einfach nur einen falschen emotionalen Weg gegangen sei – und sich so vermutlich um sein gesamtes Leben gebracht habe.

Es ist ein Urteil wie eine Erklärung zugleich, was – im Großen und Ganzen – passiert. In dem Drehbuch sind eher Kriterien offenkundig, die von niedrigen Motiven und anderen Umständen handeln, wieso es zur Tat kam und welche Umstände ausschlaggebend waren.

Geirrt zeigt vieles an, was uns aus dem Fadenkreuz von Schuld und Unschuld, Mitwisser und Verdächtiger, Opfer und Täter usw. herauslässt. Denn unsere Erwartung ist bei einem Krimi ja immer dieselbe: es geschieht ein Verbrechen; man muss suchen; den Täter finden; die Motivlage nachzeichnen; Überführen; und Verurteilen – woher kommt dann noch der Thrill, müsste man sich fragen? Vielleicht von den Verfolgungsszenen und anderer Action.

Diese These des Irrwegs jedoch nimmt die Perspektive des Lebens ein und ordnet die Tat und vor allem auch ihre Auswirkung dem gesamten Leben zu. Das ist von vorne und von oben gedacht. Es beurteilt eben auch das gesamte Verhalten einer Person, die sich schuldig gemacht hat.

Und die Verirrung zeichnet eben auch die Zufälligkeit des Moments, schuldig zu werden. Dies sehe ich immer gut getroffen an den großen Hinweisschildern am Rand der Autobahnen, wie „einmal nur nicht aufgepasst.“ Es kann so schnell passieren, zum Schuldigen und Bösewicht zu werden. Man stelle sich eben vor, ein Kind im Autoverkehr zu töten.

Und die Zufälligkeit zeigt sich eben auch in den Unfällen bekannter Menschen. Ein Beispiel dafür ist Michael Schumacher, als er mit dem Kopf auf einen Stein fiel. Oder der Extrem-Skifahrer Ressmann aus Österreich, dessen Tod durch die Auslösung eines falschen Karabiners verursacht wurde.

Man kann sich aber auch gedanklich und logisch verirren. Das jedoch würde kein Mensch ungerne zugeben, da das Denken eben Teil der eigenen Identität ist. Man stelle sich vor, dass man zugeben müsse, eine falsche Schlussfolgerung getroffen zu haben! Leider bleibt man dabei und versucht lieber eine zusätzliche sachliche Begründung für das Falsche zu finden. Es ist wie mit dem Mörder, der seine Spur verwischt. Die Scham ist eben so groß wie die soziale Sanktion des Irrtums.

Es ist, was man einem Erwachsenen ohnehin nicht zubilligt. Denn erwachsen sein, heißt mündig sein – eben irgendwie fehlerhaft, nachvollziehbar, einsichtig, und vieles mehr. Aber auch Erwachsene irren – und das ist eben Teil von uns. Ein Rechtssystem jedoch auf dem vollständig rationalen Menschen auszubauen, ist daher mit stetem Ruckeln verbunden, sich mit dem Menschsein auch auseinander zu setzen, um ihn rechtlich in ein System ordnen zu können. Im Rechtsystem gibt es zwar die Variante der Schuldunfähigkeit, doch die gilt nur für die Wenigen. Was ist mit der Mehrheit?

Im Rückblick kann der Mensch jedoch immer gut beurteilen, wohin sein Lebensweg hätte führen können. Denn am Ende eines Lebens erscheint das Leben eben wie ein Weg, der auch räumlich von der Geburtsstadt bis zum Ort des Totenbettes führt. Und dann kann man zugeben, falsch abgebogen zu sein. Dann nämlich muss man sich nicht mehr verantworten. Das Lebensende schafft den Freiraum für die blanke Ehrlichkeit.

Mein Plädoyer gilt der Ehrlichkeit über Einsichten, ohne jedoch dann das gesamte Spiel umzukehren, nämlich mit den Fehlern zu kokettieren, um sich über das richtige Handeln lustig machen zu können.

Protest

Der normale und seichte Protest ist zwischenzeitlich zum ‚anständigen‘ Dasein avanciert: man wehrt sich kollektiv – und am besten gegen vermeintliche Eingriffe des Staates in die Selbstbestimmung, die eigene Würde und das eigene Wertesystem – und das stets mit Berufung auf eine höhere Bestimmung. Das macht man so.

Es ist dieser Protest mit Samthandschuhen und ohne Gefahr für Leib und Leben. Es ist wie der alte Salonkommunismus, als man gegen die herrschenden Kräfte in verrauchten Kneipen bei viel Bier wetterte. Im gemütlichen und geselligen Salon vor einem sympathisierenden Publikum musste man keine Furcht vor der Repression haben.

Dieser Protest in unseren Breiten ist wie eine ewige Pubertät: man lehnt sich auf und will trotzdem geliebt werden. Man kann sich harte Sanktionen wegen beleidigenden Verhaltens nicht vorstellen. Also macht man weiter.

Es gibt zwischenzeitlich so viele solcher Beispiele, die zu einer Blockade anschwellen. Der letzte augenscheinliche Vorfall ist der Boykott einer Tesla-Ansiedlung in Brandenburg. Dann gibt es Fridays for Future – Aktionen von Kindern und Jugendlichen, die von ihren Eltern anerkennend begleitet werden. Oder nehmen sie die Protestierenden gegen die Windräder (auch ohne Julie Zeh’s Unter Leuten gelesen zu haben).

Wenn es ernst wird, scheinen Überzeugung und Haltung schlagartig überdacht zu werden. Dies hängt zusammen mit den Konsequenzen, also Sanktionen gegen den persönlichen Status: wenn man etwas zu verlieren hat, dann überlegt man es sich dreimal, ob man opponieren kann.

Nehmen Sie die Rolle des Betriebsrates in einem Privatunternehmen: dann nämlich
nicht umsonst gilt der Satz, dass das Betriebsverfassungsrecht und die Straßenverkehrsordnung die Gesetze sind, die am häufigsten gebrochen werden. Man kann sich mit diesem kollektiven und überheblichen Lächeln darauf verständigen, dass diese Betriebsräte ja nur verirrte Geister seine, die eben sonst keine andere Aufmerksamkeit im Leben bekommen würden.

Die Frage ist, ob man die schon ablehnen sollte, die eben Widerstand gegen Sanktionen abwägen. Denn das macht schon der Säugling: er geht so weit, wie er kann. Er ist wahrlich bestrebt, seien Freiräume zu erobern.

Natürlich leben auch immer wieder andere Menschen, die wahrlich mit ihrem Leben und ihrem Schicksal bezahlen. Nelson Mandela ist so einer. Bärbel Bohley ist ein anderer Typ: sie wollte einfach nicht ihre Sache weiterverfolgen, lieber woanders wieder opponieren. Oder Dietrich Bonhöffer: Irgendwie ist der soweit ent-rückt, dass auch wir heute keine Notiz mehr von diesem erstaunlichen Menschen nehmen.

Auch lässt sich Protest zum Prinzip erheben: wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt! Sagten die Kommunarden der 1968er Generation. Und viele von ihnen haben dies bis heute durchgehalten. Auch gibt es Stadtviertel, die einfach als Protesthochburgen gelten: gegen alles Mögliche, was der Verlauf des öffentlichen Lebens hergibt.

Man darf sich indes über Protest keinesfalls lustig machen. Man übt es immer ein bischen. Man kann ihn auch leben. Aber man sollte ihn stets auch zielgerecht einsetzen: Protest des Protestes willen ist ein Wirbel, der einem das eigene Leben verhagelt. Denn man hat nur noch Widerstand im Kopf, nur diesen einen Gedanken, der alles trägt – wie ein-seitig!

Moralpolitik

Die öffentliche Meinung ist bemüht, dass jegliches Handeln der sog. Politik in der Matrix von Political Correctness gemessen wird. Mir ist nicht richtig klar, welcher Kompass sonst der richtige wäre. Ich vermute dahinter den Begriff der Realpolitik: man muss schließlich versuchen, die Umwelt nicht nur mit einer fixen Matrix zu verstehen.

Es wird auch von der Sozialdemokratisierung der großen parteipolitischen Linien gesprochen. Die ‚Konservativen‘ beschweren sich, dass sie zusehends an den Rand gedrängt werden.

Hermann Lübbe hat 1984 einen Beitrag geschrieben, der den Absolutismus und die fachliche Ignoranz der sog. Moralpolitik verdammt. Überzeugend erklärt er, dass die Beziehung der eigenen Argumentation auf die Moral jegliche fachliche Diskussion zugunsten des Moralisten entscheiden wird. Schlimmer noch ist: sie löst die fachlichen Probleme nicht.

Ein gutes Beispiel könnte die Dimension von Frauen, Migranten oder Behinderten sein. Wer ein Problem aufwirft, ist per se (nein, wegen seiner vermeintlichen moralischen Lage) schuldig und im Unrecht. Sehr eindrücklich wird dies bei gelichtet Kritik gegen Israel: sie ist verboten, weil es die Juden verhöhnen könnte. Das krasse Vorgehen gegen die Palästinenser wird somit mit höherer Moral gerechtfertigt.

Wolf Biermann hat stets von der Auschwitz-Keule gesprochen. Er meinte damit das provozierte Ende jeglicher politischen Debatte: weil ich ein Alt-Opfer von Auschwitz bin, habe ich immer recht – basta?!

Auch wenn das alles politisch klingt, so kennen wir doch dieses Muster auch aus normalen sozialen Interaktionen nur allzu gut. Denn auch dort hat der schwächere immer recht, der Kranke, der Alte, das Kind, die Frau usw.

Meines Erachtens ist es vor allem gedankliche Faulheit und Bequemlichkeit, die Moralisten ausmacht: die Welt instinktiv Gut und Böse einteilen, wie in einer Dorfkirche des Mittelalters. Und schon damals war klar: wer gut und böse definiert, hat die Macht. Er ist derjenige, der sich auf die letzte Instanz, nämlich Gott, beziehen kann. Er behauptet es einfach.

Moralpolitik ist daher auch zutiefst un-sachlich. Es ist eine Einladung vor allem zum eigenen Narzissmus: ich bin auf der Seite der Richtigen und Guten: die anderen sind doof. Und so kann man sich mit einem guten Gefühl zurücklehnen – zumindest für den Moment.

Wettbewerb im Nichtstun

Kürzlich erzählte mir doch jemand mit Schmunzeln von einem Kollegen, der sich brüstet, besser im Vermeiden von Arbeit zu sein als die anderen. Es hat gar ein inneres Konto aufgemacht, indem er die Paarungen summiert: gegen x steht es jetzt 2 : 5.

Dabei schmunzeln die Protagonisten über ihre Leistung. Sie sind offensichtlich stolz darauf. Sie wissen zu vermeiden. Sie können ihren Willen jemandem anderen aufdrücken. Sie sind besser.

Manche Menschen könnten dies als einen lustigen Zug des Handelns betrachten. Dahinter steckt jedoch ein Weltbild, das a-sozial und zugleich menschlich ist. Gerade Männer suchen den Wettbewerb, wo auch immer er lauern könnte. Das gehört wohl zum sog. Spieltrieb.

Doch gleichzeitig wollen die so Handelnden genauso soziale Anerkennung wie alle anderen Menschen auch. Ihr Publikum ist nicht die öffentliche protestantische Moral, sondern die des Gauners, der sich durchsetzt. Es ist das Schmunzeln des Kleinkriminellen.

Von Dritten werden diese Protagonisten aber als Trittbrettfahrer betrachtet. Denn sie genießen die Privilegien, aber scheuen die Pflichten. Es sind die Wheeler Dealer, die Schmarotzer, die Cleveren, die Bauernschlauen – die eben mit geringstem Aufwand das Meiste herausholen.

Dabei hat der Faulpelz immer schon einiges an Sympathie genossen. Das begann wohl mit Diogenes in der Tonne, über den verklärenden Blick von Eichendorffs (aus dem Leben eines Taugenichts) bis hin zu der neuesten modernen französischen Lektüre von ‚die Entdeckung der Faulheit‘.

Auch die Hochstapler können auf den sozialen Resonanzboden der Sympathie vertrauen. Auch literarische Zeugnisse sind hier zu nennen, vor allem wenn man an Vorstellung von Horst Buchholz im Film des Felix Krull denkt. Es ist wohl die (Bauern-) Schläue, die uns gefällt: so wie die von Gerd Postel, dem Gauner Dagobert oder anderen. In Filmen wird dieses vom Zuschauer beneidet, wobei es oft der moralisch einwandfreie Gauner ist, der die Beute nicht braucht – und besser noch an die Armen und Bedürftigen verteilt.

Doch gibt es eben diejenigen, die immer und überall die Vorteile des Systems für sich zu nutzen wissen. Die sagen, dass dieses Eindringen in das System schon eine Leistung an sich ist. Das erinnert mich auch an diejenigen, die während ihres Jurastudiums gesagt hatten, dass es eigentlich langweilig sei: doch die Erschließung des Systems hätte ihnen große Freude bereitet.

Wer sind diese Typen, die sich mit Stolz brüsten, wenn sie sich Vorteile mit dem geringsten Aufwand besorgen? Ist das tatsächlich nur eine Minderheit? Oder ist es nicht gar ein anthropologisches Prinzip, was eben durch Moral gehemmt wird? Man erinnere sich an den Slogan ‚geiz ist geil‘, der eine Art von Legitimation erbringt, wenn man im Wettbewerb mit den anderen ein Produkt mit weniger Aufwand erhascht. Ist nicht die Gelegenheit, die Diebe macht, auch nur eine Normalität? Und sagt nicht auch der Schüler mit den guten Noten, er habe nicht viel lernen müssen? Ist es nicht einfach so etwas wie ein Fingerzeig auf sich selbst, dass man im abstrakten Wettbewerb mit allen anderen schneller an das Ziel gelangt, das alle zu erreichen versuchen?

Wie viel Selbstliebe erträgt meine Umwelt?

Ein wichtiges Thema bleibt den Menschen: ihr Blick auf sich selbst. Bin ich eigentlich ok? Was meinen die anderen? Inwieweit soll ich meine Interessen gegen die der anderen durchsetzen? Ist es wichtiger, dass ich mit mir im Einklang bin – oder die anderen mich mögen?

Die Hochphase dieser Auseinandersetzung ist die Pubertät: dann will man wissen, worauf man sich einlässt und wie es weitergeht. Offensichtlich erzwingt der interne biologische hormonelle Aufruhr diese Auseinandersetzung.

Doch bleibt es stets ein Lebensthema: denn die Bedürfnisse nach Wertschätzung von außen und Zufriedenheit von innen bleiben immer in einer heiklen Balance – meist stark beeinflusst von den eigenen Stimmungen und dem Lebensumfeld.

Die eine Fraktion rät zum Leben, das bewusst auf die Erwartungen der Umwelt reagiert. Vor allem die Tipps und Empfehlungen in der Business Welt zeugen von der steten Annäherung an den Mainstream: wie man sich beim Abschied aus der Firma verhält, wen man duzt oder was man an Kleidung trägt. Die Autoren scheuen sich nicht, den Zeitgeist in konkrete Handlungsanweisungen zu packen. Das ähnelt dem Zureden der Eltern in der eigenen Jugend.

Die andere Fraktion rät zur dominanten Orientierung an den eigenen Bedürfnissen. Nur so entstünde innerer Friede. Es wird das Bild des inneren Kindes ins Feld geführt, wonach die Trotzphase des vier-jährigen Vorbild für jeden Erwachsenen ist. Nur so kann sich die eigene Identität entwickeln und mit Zufriedenheit einhergehen. Geht man nicht den Weg, wird man nach den Vorhersagen der Autoren krank.

Die riesige Fülle von Ratgeberliteratur zeigt, dass das Bedürfnis nach einem Leben ohne Konflikte mit sich oder der sozialen Umwelt immer präsent ist. Nur im Alter, so könnte man meinen, schwindet der Anspruch. Dann lebt man ohnehin nur noch nach seinen ureigensten schrulligen Bedürfnissen; was die Nachbarn sagen, wird zunehmend gleichgültig; die Fokussierung auf das geistige und körperliche Können determiniert dann auch das Wollen.

Zur Frage zurück: was passiert denn, wenn die anderen die Augenbrauen heben, getuschelt wird und zweideutige Bemerkungen gemacht werden? Ist es nur Anlass für ein Innehalten, ein Spüren, ein Reflektieren? Oder wirft es uns vielleicht in eine mentale Krise? Option B wäre die schon körperliche Bewegung, Rückgrat steif, Brust heraus. Soll man eher im vertrauten Kreise der Familie und Freunde aufgehen – oder mit sich ins Reine kommen wollen? Wohl wird nur das konkrete Leben darauf Antworten finden.

Die Unverschämten sind immer im Vorteil

Im Konflikt von Menschen zieht der häufig den Kürzeren, der die Werte eines gelingenden sozialen Miteinanders wahren will. Denn das verfängt bei dem Unverschämten gegenüber nicht. Und man ist auch weniger geübt darin als sein Widersacher, selbst unverschämt zu sein.Eine typische Auseinandersetzung zwischen einem älteren Menschen und einem Halbstarken endet immer gleich: Lautstärke und Ich-Ansage obsiegen. Der Ältere ist verblüfft und entsetzt. Er glaubt, die Welt ginge unter.Donald Trump ist ein Mensch, der vor Unverschämtheiten strotzt: eigentlich ist der Mensch einfach nur unhöflich. Er kennt keine Scham, wenn es um ‚schlechtes‘ Verhalten geht. Er macht weiter, da ihn keine ethische Instanz sanktionieren kann.Eine Waffengleichheit der Pole gibt es also nicht: bemüht sich der eine um einen verständigen Ausgleich; so ist der andere eher auf Durchsetzung seiner Interessen und Launen gepolt. Eine Auseinandersetzung ist eben nicht die wie in einem Duell, bei dem sich die beiden Duellanten auf Regeln verständigt hatten, wie beispielsweise die Anzahl der Schritte, bevor sie sich drehen. Ohne Verabredung der Regeln keine Fairness und kein echter Vergleich!Es ist also wie bei einem Aufeinandertreffen im Namen der Gewalt: der sie ausübt, gewinnt. Nur handelt es sich meist um Wortgefechte. Wer das letzte Wort hat, gewinnt; wer lauter ist, gewinnt; wer den anderen mehr beleidigt gewinnt; wer mehr redet, gewinnt; …

Es dreht sich derjenige zuerst ab, der sich von dem anderen bedrängt fühlt; wer versteht, dass es keinen Ausgleich gibt; wer sich das Verhalten des anderen nicht erklären kann … der aufhört, hat verloren. Denn im Tierreich ist es ebenso: es weicht der, der sich nicht durchsetzen kann. Dann kommt der Mensch aber mit einem Trick, und ist eben doch der Gewinner – indem er den anderen aus dem Kollektiv des Menschenverstandes, der sozialen Normalität und des Anstandes schubst: „solch‘ eine Unverschämtheit!“

Politik als Projektionsfläche

Die Politik hat etwas Faszinierendes. Sie ist in aller Munde und dennoch fern und unbekannt (wenn man an den realen Politikbetrieb denkt). Sie ist wie ein Platzhalter außerhalb jeglicher mathematischen Berechenbarkeit. Und einzigartig zumindest für die Demokratie: jeder kann, darf und soll mitreden.

Und so ist ‚Politik‘ ein Spielfeld der grenzenlosen Gedankenspielereien, ein eigenes philosophisches Genre für die Massen. Denn jeder einzelne kann sich seine Utopien basteln. Es ist Privatsache und eben nicht nur eine öffentliche Sache. Jeder hat seine politische Anschauung; und Politik ist nicht nur das, was als öffentliche Angelegenheiten bezeichnet wird. Immerhin gibt es gar Vokabeln dafür, wie beispielsweise die ‚Politik der Straße‘.

Den Realitätstest müssen gedankliche Spielereien und Phantasien nicht machen. Eher geht es um grundsätzliche Entwürfe und Wünsche / Werte eines menschlichen Zusammenlebens. Die Umsetzung wird somit vollständig ausgeblendet; das können dann die vielen Heinzelmännchen, die Beamten machen, die Politik konkretisieren müssen.

In diesem Dia- und Multilog passieren Dinge, die dem komplexen Klimageschehen gleichen. Denn es gibt Gesetzmäßigkeiten, die so richtig von niemanden, eben auch nicht von den Teilnehmern selbst verstanden werden.

Insoweit muss man auch das Wesen der Politik weder in seinen institutionellen Strukturen noch den immanenten Verfahren kennen. Der Stammtisch kann sich somit voll entfalten, ohne sich an Realitäten halten zu müssen. Somit können Faszination und Anmutungen von Verschwörung wie persönliche subjektive Glaubenssätze im Konvolut des Austausches greifen; wie im Rausch.

Politik definiert sich nicht mehr als Thema, das wichtig für die Gesamtheit der Menschen ist. Das wären Themen wie Krieg und Frieden oder die Ernährung der Bevölkerung. Politik ist heutzutage vor allem ein Synonym für das Auslassen von Fürsorge: Politik kümmert sich nicht; vor allem nicht um meine privaten Bedürfnisse. Das muss sie aber tun.

In der Geschichte der Menschheit betete man zu einem unbekannten Gott, der sich der konkreten Probleme des Alltags annehmen möge. Heutzutage erwartet man von der Politik, dass sie seinen Platz einnehmen möge. Nur: es gibt keinen Ausschluss mehr, keine Exkommunikation und keine Verantwortung für seinen Glauben – wie bequem.

Krisenmanager

Gerade jetzt in der Krise merkt man, wie sehr die Brust schwillt unter dem Eindruck, das Schicksal anderer (mit-)bestimmen zu können. Dabei ist der Stolz auf die gerichtet, die man ‚rettet‘; sollte es nicht klappen, lässt sich das noch immer auf die schwierigen Rahmenbedingungen schieben.

Und dann gibt es auch noch einen Wettbewerb über die härtesten und entschiedensten Maßnahmen. Das kann man ganz gut bei Boris Johnson beobachten. Besser noch ist die Konkurrenz der Bundesländer in der Pandemie, zuerst bei dem gegenseitigen Überbieten bei Restriktionen, dann bei den Lockerungen.

Krisenmanager sind gefragt, erfreuen sich einer großen Beliebtheit. Es gilt für viele die historischen Figuren, symbolisiert durch Helmut Schmidt bei der Großen Hamburger Flut 1963.

Man kann hinter solchen Personen gute Organisatoren sehen, nicht Strategen, Vordenker, Charismatiker, Redner oder andere Typen. Es handelt sich eigentlich um den typischen deutschen Landrat, meist gelernter Jurist.

Zu unterscheiden sind dann diejenigen, die Scharfmacher bei den radikalen Lösungen zur Abwehr sind. Es sind diejenigen, die ‚den Stecker ziehen‘ (s.a. Heute Journal am Samstag, den 25.04. Unternehmer: „Es Ist so leicht, einfach den Stecker zu ziehen.“) Daneben sind es konstruktiven Löser, die auf die andere Partei zugehen oder eine konkrete Bewältigung der schwierigen Rahmenbedingungen suchen. Gefragt sind freilich eher diejenigen, die uns wieder in die Normalität zurückkehren lassen; gleichwohl: sie geraten für die große Masse schnell wieder aus dem Blick. Gefahr und Schrecken gehen ins Mark; die Wiederkehr zur Normalität ist das Aufatmen, das einen die Überwindung der Krise spüren lässt. Darüber gerät der homo faber aber in Vergessenheit. Es geht wenigen wie Ludwig Erhard, der als Schöpfer noch heute verehrt wird.

Es gilt das Zitat: „Krisen bringen immer das Beste im Menschen hervor.“ Wenn das einmal stimmte, würde es uns alle freuen können. Die anfängliche Solidarität wird im Wiederaufbau nach der Pandemie möglicherweise schnell in den Kampf um die Verteilung der Chancen und Mittel umschlagen. Wir werden sehen.

Andererseits ist richtig, dass erst das Schwanken und das Bröckeln der Normalität die Kreativität anspornen, ja geradezu neu erfinden. Und sind denn auch die verschiedenen Plakate in den Straßen schön zu lesen: „Schwierige Wege ergeben häufig die schönsten Filme.“