Cancel history!

Es geht ein Fanal um die Welt: „Cancel Culture!“

Wie nur kann man die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit auslöschen wollen? Hatten das nicht auch die Taliban mit den Kunstwerken getan? Wollen wir die Pyramiden schleifen, weil sie mit Sklavenarbeit geschaffen wurden? Wollen wir etwa unsere Eltern umbringen, weil sie uns dereinst getadelt haben?

Wollen wir uns des Materials entledigen, aus dem wir lernen, bessere Menschen werden zu können? Wollen wir uns des Dramas befreien, das unsere Theaterbühnen bereichert? Wollen wir Gehirnwäsche? Verstoßen wir nicht gegen den Grundsatz ‚die Gedanken sind frei’? Wollen wir weiter die Hybris des vermeintlich gerechten modernen Menschen zementieren?

Natürlich bin ich als Historiker entsetzt über einen solchen Zug! Denn habe ich doch das Interesse an diesem Fach vor allem deswegen entwickelt, weil ich wissen wollte, zu was der Mensch alles fähig ist. Ich glaubte damals, dass Menschen erst dann in ihrem Wesen zu verstehen sind, wenn man ihre Extrema kennt. Im Wesentlichen hatte es mir das Mittelalter angetan, da ich verstehen wollte, wieso sich Menschen plötzlich zivilisatorisch ‚zurück‘entwickelten. Und tatsächlich ist das ja eine Erkenntnis, dass die Menschheit keinen linearen Fortschritt zu mehr an Weisheit und Erkenntnis hinlegt. Vielmehr dürfte es sich um ein auf und ab handeln – nur das Mittel sollte eben im Koordinatensystem ansteigen; was das auch immer ist;-)

Das zu manipulieren, ist in etwa so wie die Gen-Schere an die DNA-Kette zu legen. Zwar ist dieses Verfahren so brillant wie genial – doch ist es eben auch im System der Ethikwerte neutral zu bewerten, da es eben vielfach anwendbar ist. Menschenmaterial ist eben gleichzeitig so und so. Man kann nicht einfach verbieten, wozu es fähig ist. Will man damit Gott spielen, die Vergangenheit zu verbieten?

Und liebe ‚Löscher‘: wollen Sie denn auch die eigenen Fehler aus der eigenen Biographie löschen? Wollen wir vielleicht lieber den Menschen ganz ausrotten? Denn dann gebe es sicherlich keine Ungerechtigkeit mehr. Alle wären Opfer.

Andererseits: sind wir nicht auch alle dafür, Gedenkstätten für Mörder einzureißen? Oder gleich zu verbieten? Wer würde schon ein Denkmal für Adolf Hitler dulden? So lächerlich es wirkte, doch die Attacke gegen eine Kopie bei Madame Tussaud in Berlin war bereits ein Start.

Und immer wird derlei getan: die Symbole der alten Herrschaft niederzureißen. Und zwar bei jedem politischen Wechsel. ‚Hallo, hier herrscht jetzt jemand anderes!‘ sagen uns die Aktionen. Es ist ein ‚norm’ales Verhalten.

Tatsächlich gehören die Sackgassen und Entgleisungen eben auch zur Kultur. Und man benötigt sie wohl auch schon allein deswegen, weil man nur so den Ausschlag des Pendels auf der anderen Seite wirklich begründen kann.

„Der Nivea-Mann muss weg“

Rituale sind nach der anthropologischen Forschung sinnvoll. Man nehme den Abschied von einem verstorbenen Menschen. Es hilft ungemein, dem ganzen Gedöns aus Totenwache, Waschung, Bestattung / Verbrennung und symbolischer und verbaler Begleitung tu folgen. Sonst nämlich würde man vermutlich vor sich hinlaufen, die Haare raufen, um sich schlagen und sich im Wald verirren.

Rituale können jedoch auch Muster ausprägen, die zweifelhaft sind oder schlicht unsinnig. Den Menschen umtreibt Gerechtigkeit, folglich auch Sühne und Strafe.

Kürzlich verlor die DFB Nationalmannschaft mit einem 0 : 6. Ich sah die Vorstellung und war seltsam berührt. Denn die Spieler waren an diesem Tag ‚neben sich‘. Sie bekamen keinen ‚Zugriff‘ auf das Spiel. Auch wenn mein strategisches und spielerisches Vermögen begrenzt waren, so kann ich doch aus meinen längeren Erfahrungen mit aktivem Fußball berichten, dass ich das kenne – aus beiden Richtungen: Kanter-Siege fühlen sich für den Gewinner seltsam an; und auch hohe Niederlagen sind kaum erklärbar. Es gibt Tage und Zeiten, in denen Menschen ihren Stimmungen unterliegen – hoch und beiseite. Wenn sich das kumuliert, wird der Unterschied eklatant.

Fragt sich, was zu tun ist, damit sich das nicht wiederholt. Es heißt Änderung: bitte Umso gravierender, desto schlimmer die Erfahrung. Und der Mensch verkürzt Dann seine komplexe Erfahrung: ein Sündenbock spült die Sünden aller weg.

Yogi Löw ist als Bundestrainer der Mannschaft daher auf dem Schafott der Diskussion. Weg mit ihm! Dann kann man die Niederlage besser verkraften. Es lässt sich dann hoffen, dass alles besser wird. Es geht um Bewältigung des Schmerzes.

Nun war bei der TV-Übertragung auch Schweinsteiger dabei, eine fraglose Autorität in Sachen Fußball. Er vertrat zusehends die These, dass die Spieler unmotiviert, irgendwie lauschig wären. Er wiederholte es umso häufiger, je öfter sein gegenüber, Moderator Opdenhövel, meinte, der Bundestrainer müsse seiner Verantwortung nachkommen. Und was passiert jetzt? Die Medien fordern den Kopf des Bundestrainers.

Es ist wie der atavistische Aufschrei des Pöbels, der Köpfe rollen sehen will! Die Meinung der Experten ist gleichgültig, die öffentliche Meinung lebt!

Diese Stück Reflektion zu Ritualen ist lehrreich: denn es offenbart die segensreiche Kraft des Rituals, aber auch den Zwang der Glaubenssätze dahinter. Dazu passt ein Zitat von Brecht, das ich kürzlich las: „Wer a sagt, der muss nicht b sagen. Er kann auch erkennen, dass a falsch war.“

„Ein Zeichen setzen“

Menschen setzen gerne Zeichen – vielleicht wie Tiere ihre Reviere markieren. Sie wollen Botschaften äußern. Sie wollen das öffentliche Bewusstsein erreichen. Sie wollen die Welt verändern.

Niemals zuvor haben Menschen so viele Zeichen gesetzt. Das ist ein großer Fortschritt, da sich Menschen so mit allgemeinen öffentlichen Fragen auseinandersetzen. Schlicht, sie kümmern sich. Das ist ‚das‘ Ideal der Demokratie, in der sich jeder an öffentlichen Debatten beteiligen kann. Jeder macht das Öffentliche zu seiner eignen Sache.

Doch die Ritualisierung, Zeichen zu setzen, wird dann zu einer Belastung, wenn jeder jedes Anliegen in das Interesse der Öffentlichkeit lenken will. Denn dann kommt es wie bei einer normalen Überforderung dazu, dass man nicht mehr verdauen kann, was da an einen herangetragen wird.

So stand ich kürzlich in einem Supermarkt in einer Schlange, als eine ältere Dame zu einer Kasse ging, die anmutete, als sei sie nur für kleine Einkäufe. Weit hinten in der Warteschlange rief ein Mann erst zaghaft, dann immer lauter, dass es so nicht ginge: schließlich könne das nicht jeder machen. Dann wurde er aggressiver, redete sich in einen Rausch: zunächst ging er auf die ältere Frau zu und beschimpfte sie damit, dass sie sich schämen sollte. Schließlich verlor er die Fassung darüber, dass niemand in sein Getöse einstimmte. Denn: er äußere sich auch an Stelle aller anderen Wartenden, mache sich also zum Verteidiger der Gerechtigkeit.

Irgendwie waren alle von dieser Szenerie eigentümlich düpiert und verlegen. Denn das war zu viel an Explosion; und vielleicht nichtmals gerechtfertigt. Auch hatte man keine Lust, mit dem Brüller, der fortweg eine Fontäne an Spucke ausstieß, gemeinsame Sache zu machen. Zudem war die kleine Episode völlig belanglos, da uns Wartenden das ein paar Sekunden unseres Lebens kostete. Tja, soziale Normen werden immer ausverhandelt, aber so?

Und natürlich lässt sich auch steigern, Zeichen zu setzen: war nicht der Mörder des jüngsten Sohnes von vWeizsäckers letztes Jahr ebenso ein Rächer aller derjenigen, die an Fehlentscheidungen des Vaters gelitten hatten? War das nicht ein Zeichen der richtigen Kritik?

Aber es lässt sich eben auch abschwächen: wer trägt nicht schon irgendwelche Symbole, mit denen er in der Außenwelt assoziiert werden will? Es mag die Marke der Oberhemden sein oder aber die Aufschrift auf dem T-Shirt, man möchte sich verortet wissen und es den anderen so auch kundtun. Alle politische Symbolik fußt auf diesem Command.

Also lasst uns weiter Zeichen setzen, die wichtig sind. Doch sollten es nicht so viel werden, dass man vor lauter Zeichen auf dem Boden keine Freifläche mehr zum Gehen hat.

Anteilnahme

Das Wort Anteilnahme wird fast ausschließlich dann genutzt, wenn man sein Mit-leid über einen menschlichen Verlust mitteilen will. Meist handelt es sich um einen Todesfall.

Dies ist zumindest verwunderlich, da wir doch auch ohne schmerzvolle Erfahrungen anderer Anteil an deren Leben nehmen können. Doch drücken wir das nur selten aus, wie mit „Ich fühle mit Dir“ oder „das kann ich gut nachvollziehen“.

Ich selbst nehme vorsichtig am Leben anderer Teil, indem ich Mitmenschen gelegentlich und unaufgefordert schriftliche Informationen gebe, die sie interessieren könnten. Das sind dann Posts als Mails oder Zeitungsartikel. Die Adressierten nehmen es wahr, als ein Angebot – das aber nicht weiter zu kommentieren ist.

Das finde ich tatsächlich seltsam. Denn man zeigt darüber eine Anerkennung gegenüber dem anderen, der sie jedoch ignoriert.

Ich kann mich an einen kleinen Skandal aus meiner Vergangenheit erinnern, als sich ein so angeschriebener Freund verwehrte, weiter in Mails an mehrere mit einbezogen zu werden. Dieser ehemalige Freund ‚befahl‘, ihn zukünftig nur noch direkt und alleine anzuschreiben – oder gar nicht.

Auch erinnere ich mich eines anderen Falls, als eine Bekannte ausführte, doch bitte nicht solche Mails zu schreiben, die vermeintlich auch anderen Menschen wortgleich zuteil würden.

Beide Reaktionen stießen mir auf. Andererseits fühle ich mich auch selbst etwas bedrückt und zum Publikum verdammt, wenn ich einen dieser Rundbriefe erhalte, in dem die Eltern ein Jahr mit ihrer Familie dokumentieren. Ich entwickle dabei ein Gefühl, das ich das nicht lesen will.

Ich habe den Eindruck, dass der bloße Unterschied darin liegt, dass man eben Aufmerksamkeit exklusiv will – und sie nicht bereit ist, mit anderen zu teilen. Doch könnte es sich um diese psychologische Regel handeln, im Kollektiv anderen die Verantwortung zuzuschieben. Das zeigt sich auch darin, sich bei Verbrechen in unmittelbarer Nähe auf die anderen zu verlassen.

Eine gezielte Aufmerksamkeit ist also nichts. Das muss die Anteilnahme lernen.

Das ostdeutsche ‚man‘

Eine seltsame Entpersonalisierung fand zu Zeiten der DDR statt: das ICH verschwand aus der Umgangssprache, indem man auf eine neutrale und unkenntliche Form der Bezeichnung wechselte: das MAN, die Leute, die x und y.

Das weiß ich natürlich auch nicht annähernd, da ich im Westen und ohne Kontakte zu Ostdeutschen aufgewachsen bin. Dennoch höre ich das bei vielen Berichten von Zeitzeugen, die über damalige Verhältnisse berichten. Auch das kollektive WIR fehlt. Ich würde sagen: „WIR im Westen haben …“

Warum ist das so? Ist es Scham? Will man sich so einer vermeintlichen Mitverantwortung entziehen? Und gleichsam die Begründung mitliefern, alles Verhalten sei durch eine vorgeschriebene Norm erzwungen worden?

Ist diese sprachliche Finesse nur ein Zufall? Oder steckt dahinter ein soziales Rationale? Man ist bei Sprache immer versucht, eine Art von Vernunft bei der Fortentwicklung zu unterstellen. Doch kommt man damit normalerweise nicht weiter.

Im gesamtdeutschen Sprachraum setzt sich dieses Personen- und geschlechtsneutrale DU immer mehr durch: „wenn DU dann Durst hast, musst DU etwas trinken.“ Oliver Kahn ist der Treiber. Er hat es aus den deutschen Kabinen des Profifußballs mitgebracht.

Ich glaube aber, es auch schon im Rap Songs gehört zu haben. Auch dort verschwindet die ICH Form mehr und mehr – als ob das ICH immer empfindlicher und unaussprechlicher würde. Wahrscheinlich verschwindet es tatsächlich hinter den uniformierten Hüllen – armes ICH!

Die Faszination des Autoritären

Steinmeier hat anlässlich des 75.Gedenktages zur Befreiung vom NS-Regime eine Rede gehalten, die auf der Perspektive von Richard von Weizsäckers Rede 1985 aufbaute: dass das deutsche Volk von der Unrechtherrschaft befreit worden sei.

Er hat dies damit verbunden, den inneren Schweinehund des Nationalismus ins Visier zu nehmen. Er hat dies mit dem Begriff der ‚Faszination des Autoritären‘ getan – eine gelungene Formulierung. Denn man müsse sich auch von der inneren Versuchung befreien, dem Autoritären nachzugeben.

Man schaue sich das einmal an: man ist dankbar dafür, dass einer sagt, wo es lang geht; die Ermüdung über den Meinungsstreit hat ein Ende; die Einfachheit zur Erklärung der Umwelt ist verführerisch – auch für die Linken (was man kaum glauben kann). Die Autorität hat indes zwei Seiten: denn zum einen schreibt man einer Person, einer Clique, einem System zu, die Wahrheit zu kennen. Damit einher geht auch, dass sie die richtigen Maßnahmen ergreifen können, um aus jeglicher Krise zu kommen. Man delegiert dann die Macht, befreit sich von der eigenen Anstrengung und handelt also wie alle anderen Gläubigen auch. Man wird Teil einer Gefolgschaft.

Zum anderen aber ist das Autoritäre eben auch die Instanz, die sich gegen Andersmeinende richtet und Widerstände niederwalzt. Das können Einzelpersonen sein, aber auch Bewegungen oder staatliche Einrichtungen. Dann zeigt der Mensch seine hässliche Fratze, indem er sich auf die Macht des Stärkeren nicht nur beruft, sondern es auch nutzt. Schließlich legitimiert er sie sogar.

Das Autoritäre kann selbst unter seinen Opfern eine gewisse Faszination entfalten – so seltsam es klingt. Ich habe schon gelegentlich Kinder von strengen Vätern getroffen. Es waren meist Frauen. Und als Erwachsene haben sie sich dann einen Mann gesucht, der so wie der Vater handelte. Dies ist verquer, da sich doch der Widerstand stets gegen den eigenen Vater und seine Befehlsgewalt richtet. Jedoch ist die Freiheit des Handelnden mit der Zeit dann nicht mehr die erste Wahl, wenn man weiß, wie man unter der Gewaltherrschaft zurecht kommen kann. Kinder von strengen Eltern lernen eben, damit umzugehen und gar eine Meisterschaft darin zu erlangen.

Das Autoritäre ist indes selbstverständlich von der Autorität zu unterscheiden.

Eine gute Figur machen

Im Rennen um den CDU-Parteivorsitz hat der NRW-Kandidat Armin Laschet eine schlechte Figur gemacht; Markus Söder hingegen eine gute.

Liest und hört man von dieser Einschätzung, so beginnt man darüber nachzudenken, was unter einer ‚guten Figur‘ wohl zu verstehen ist. Konkret wissen wir vermutlich, was eine ‚gute Figur‘ ist. Doch was heißt das hier?

Eine ‚gute Figur‘ ist natürlich – auch – die Physis. Denn ein Körper mit dem Augenschein geringer Leistungskraft ist bedauerlich; kann er sich doch weder schützen, noch angreifen, ergo im Kampf und Wettbewerb nicht bestehen. Daher hat er keine Berechtigung für eine Führungsrolle. Gleichzeitig ist er – wie Pickel im Gesicht – etwas, was der Attraktivität abträglich ist: man würde sich nie körperlich darauf einlassen, eher ekeln; für den Fortbestand der Spezies also völlig unerheblich.

Eine ‚gute Figur‘ jedoch ist eben auch der Eindruck, den jemand gibt: und der ist für jeden anders. Also hängt die ‚gute Figur‘ im Namen des Betrachters.

Die gute Figur ist eine Wette auf die Zukunft: wer könnte für mich und uns einen potentiellen Vorteil in der Zukunft erringen?

Und wer bedient meinen sehr spezifischen Glauben mehr als mein Abbild von Fähigkeit? Hierzu gibt es natürlich gesellschaftliche Glaubenssätze, die nirgends besser ausgedrückt werden als durch journalistische Bewertungen: der scheint fähig, der hingegen weniger. Und so folgen wir dem Trommelfeuer der Berichterstattung.

Also nochmals: ist Söder nicht der richtige? Der Politiker gab in der Pandemie den Anschein, sich strikt um die Gesundheit der Bevölkerung zu kümmern; er schien sich durchzusetzen, Kante zu zeigen; er machte den Eindruck, seine Administration im Griff zu haben: Doch was zeigt das Ergebnis? In Bayern tobt das Virus wie nirgendwo; die Pannen der Testverfahren häufen sich; und wieso wurde der Mann in den letzten Monaten nicht über andere Äußerungen und Maßnahmen wahrgenommen? Wie also bekommt er es hin, Vertrauen zu bekommen? Seine Figur bleibt schemenhaft.

Hitlers Freund

Vor Wochen sah ich eine Dokumentation über Hitlers Jugend und Adoleszenz. Ich war ziemlich erstaunt, von einem persönlichen Freund zu erfahren, von dessen Existenz ich nun erstmals hörte. Man muss sich das vorstellen: da ist einer, der mit dem Massenmörder und gedanklich Entgleisten in einer Phase zu tun hatte, als der schwach war und sich ausprobierte. Und dann war er der Gott gleiche Führer, der schließlich die halbe Welt in ein Inferno riss und zur Hölle machte.

Es handelt sich um August Friedrich Kubizek, einen wohl durchschnittlichen und repräsentativen jungen Mann seiner Zeit. Von Photos sollte man nichts ableiten, obgleich die Überlieferung des Gesichts zu reichlich Assoziation Anlass gibt.

Was war das für ein Typ? Wie hat er den Teufel Nr. 1 des Jahrhunderts wahrgenommen? Könnte er etwas von der damaligen Zukunft vorhersehen? Und hätte er dem Kumpan nicht früher den physischen Garaus machen und somit der Welt so viel an Leid ersparen können?

Diese Frage zu stellen, ist natürlich Unfug und unnütz, da sie den Lauf der Vergangenheit nicht mehr ändern kann. Geschichte lässt sich niemals neu gestalten, nur neu schreiben. Es sei denn, man leugnet schlicht historische und somit überlieferte Sachverhalte.

Doch die Spekulation über eine offene Frage lässt einen gleichzeitig auch besser verstehen, wieso es passiert ist und wieso es so erfolgte, wie beschrieben.

Kubizeck schließlich schrieb nach Ende des zweiten Weltkriegs ein Buch (Adolf Hitler, mein Jugendfreund, 1953), um sich von Hitler zu distanzieren. Ich würde wetten, dass er das 12 Jahre nicht getan hatte.

Was also machte ihn zur Stütze eines Irren? Es war wohl schlicht die materielle Not, sich zusammen zu tun.

Mängelwesen

Der in der breiten Öffentlichkeit vergessene Helmuth Plessner hat den Menschen als Mängelwesen bezeichnet, so wie er sich biologisch darstellt: ohne Angriffswaffe, quasi nackt ohne schützendes Fell, in Stärke und Schnelligkeit vielen Tieren unterlegen und so weiter und sofort.

Heute hauen wir uns auf die Schulter und bestätigen uns untereinander, dass wir die Krönung der Schöpfung sind. Immerhin tickt auf diesem Planeten so ziemlich alles nach unserem Handeln – leider auch unkontrolliert, da sonst keine Kriege und eine Erderwärmung samt Umweltzerstörung stattfinden würden.

Das jedoch kümmert uns nicht in unserem Selbstbewusstsein. Doch man prüfe sich sorgfältig, ob wir nicht einzeln das genaue Gegenteil dessen sind, was wir als Gruppe ausmachen: wir sind schwach, ohnmächtig, für uns selbst ohne andere zu sorgen.

Ebenso eklatant ist das Missverhältnis zwischen kollektivem Weltwissen und dem des einzelnen. Wir haben nur einen winzigen Ausschnitt an Wissen zur Verfügung. Zwar haben wir durch unser Alltagswissen unser Leben weitgehend im Griff; doch wissen und können wir eben so viel nicht.

Und dazu zählt auch das Grundlagenwissen. Mir fällt das bei dem Bildungskanon genauso ein wie bei der Kenntnis unserer natürlichen Umwelt. Wieviel Opern hat Beethoven nochmals geschrieben? Oder um welchen Baum handelt es sich da vorne? Eigentlich laufen wir wie Blinde durch unsere eigene Heimat.

Uns dann muss man sich nicht auch Frage, ob mit einer geistigen und emotionalen Höherentwicklung auch eine größere Fragilität einher geht. Kann ein Baum eine Depression haben? Will sich ein Schwein selbst verwirklichen? Werden wir durch unser Potential nicht genau dort gebremst, wo wir es nicht entfalten können? Und ist das nicht eine enorme Schwäche? Denn hätten wir nicht die Möglichkeit, dann wären spürten wir auch keine Mängel.

Ohnehin merkt man sich – nach irgendwelchen Forschungen – 7x mehr die schlechten Dinge des Lebens als die guten. Es gibt posttraumatische Störungen, aber kaum Nachhaltigkeit von glücklichem Empfinden; eher wird es als normal angenommen. Eine Bevölkerung, die eine rückschrittliche Entwicklung erfährt, wird rebellieren, eine Bevölkerung im Wohlstand sich nur aushalten, aber nicht nachhaltig glücklich sein.

Und dann kommt da noch diese Langeweile hinzu. Als Kind will man beschäftigt werden. Als Erwachsener will man Sinnerfüllung. Je älter man wird, desto desillusionierter blickt man auf das eigene Sein. Und am Ende eines Lebens ist man nur noch dessen froh, aus dem Fenster zu schauen und Vögel zu beobachten. Ein Elefant zieht sich dann an ein Wasserloch zurück und stirbt. Ein Mensch jedoch braucht selbst im Tod noch Fürsorge.

Mein Leben als Null

Es kommt immer darauf an, was man zeigen will. Ist man entschieden, den Mitmenschen die eigene Stärke und Leistungsvermögen zu demonstrieren, war man immer vorne dabei. Der eine meiner beiden Großväter war so einer: „und ich war immer vorne wech.“

Ist jedoch ein Projekt schiefgegangen, will es keiner gewesen sein. Alle Bevölkerungen dieser Welt können nichts für ihre Diktaturen. So war es und wird es wohl noch länger sein – es sei denn, der Mensch entwickelt sich so, wie er glaubt, sein zu müssen.

Man kann daraus eine – vielleicht zweifelhafte – Tugend machen: beschreiben Sie ihr Leben einmal als eine Null! Unbeobachtet, gemieden, erfolglos, unglücklich und voller Desaster. Vermutlich werden Sie danach mit welchem Leben sie gerade auch immer führen äußerst zufrieden sein.

Interessant ist eine andere Variante: was wäre mit den Menschen passiert, die Ihnen nahe sind? Wer hätte Ihre Lücke gefüllt? Sind wegen Ihnen gar Lebensläufe anders verlaufen? Das Spekulieren darum eröffnet uns wohl auch einen Blick darauf, dass wir zumindest Kreise gezogen haben.

Und dann stellen Sie sich schließlich vor, Ihre größten Erfolge wären eigentlich Totalausfälle gewesen: den höchsten Schulabschluss versenkt; den Traumpartner sausen lassen; oder den Urlaub in x abgebrochen. Und die Kehrseite der Medaille wäre dann genau das Gegenteil: das große Scheitern wären die Höhepunkte gewesen.

Sicherlich stellt sich bei Ihnen das Gefühl ein, dass auch hätte alles anders werden können. Das ist wohl wahr: unser roter Faden ist so dünn; wir sind nur Ein-Faden-Schneider unseres eigenen Schicksals.