Krisenmanager

Gerade jetzt in der Krise merkt man, wie sehr die Brust schwillt unter dem Eindruck, das Schicksal anderer (mit-)bestimmen zu können. Dabei ist der Stolz auf die gerichtet, die man ‚rettet‘; sollte es nicht klappen, lässt sich das noch immer auf die schwierigen Rahmenbedingungen schieben.

Und dann gibt es auch noch einen Wettbewerb über die härtesten und entschiedensten Maßnahmen. Das kann man ganz gut bei Boris Johnson beobachten. Besser noch ist die Konkurrenz der Bundesländer in der Pandemie, zuerst bei dem gegenseitigen Überbieten bei Restriktionen, dann bei den Lockerungen.

Krisenmanager sind gefragt, erfreuen sich einer großen Beliebtheit. Es gilt für viele die historischen Figuren, symbolisiert durch Helmut Schmidt bei der Großen Hamburger Flut 1963.

Man kann hinter solchen Personen gute Organisatoren sehen, nicht Strategen, Vordenker, Charismatiker, Redner oder andere Typen. Es handelt sich eigentlich um den typischen deutschen Landrat, meist gelernter Jurist.

Zu unterscheiden sind dann diejenigen, die Scharfmacher bei den radikalen Lösungen zur Abwehr sind. Es sind diejenigen, die ‚den Stecker ziehen‘ (s.a. Heute Journal am Samstag, den 25.04. Unternehmer: „Es Ist so leicht, einfach den Stecker zu ziehen.“) Daneben sind es konstruktiven Löser, die auf die andere Partei zugehen oder eine konkrete Bewältigung der schwierigen Rahmenbedingungen suchen. Gefragt sind freilich eher diejenigen, die uns wieder in die Normalität zurückkehren lassen; gleichwohl: sie geraten für die große Masse schnell wieder aus dem Blick. Gefahr und Schrecken gehen ins Mark; die Wiederkehr zur Normalität ist das Aufatmen, das einen die Überwindung der Krise spüren lässt. Darüber gerät der homo faber aber in Vergessenheit. Es geht wenigen wie Ludwig Erhard, der als Schöpfer noch heute verehrt wird.

Es gilt das Zitat: „Krisen bringen immer das Beste im Menschen hervor.“ Wenn das einmal stimmte, würde es uns alle freuen können. Die anfängliche Solidarität wird im Wiederaufbau nach der Pandemie möglicherweise schnell in den Kampf um die Verteilung der Chancen und Mittel umschlagen. Wir werden sehen.

Andererseits ist richtig, dass erst das Schwanken und das Bröckeln der Normalität die Kreativität anspornen, ja geradezu neu erfinden. Und sind denn auch die verschiedenen Plakate in den Straßen schön zu lesen: „Schwierige Wege ergeben häufig die schönsten Filme.“

Zeit der Welterklärer

Die Stammtische habe ich im Ohr, wenn ich daran denke, was mir meine letzten verbliebenen sozialen Kontakte so alles mitteilen: ‚es sei so und so‘. Es würde so und so.

Tatsächlich bäumt sich plötzlich eine Welle von Personen auf, die Wichtiges zu sagen haben. Es scheint in Zeiten der Krise zu größeren Einsichten und zum Nachdenken zu kommen, daher auch das öffentliche Verlautbaren. Tja, wenn man zu Hause in der Stille sitzt, dann ließe sich tatsächlich der ein oder andere Gedanke gründlich vertiefen, ohne gestört zu werden.

So will jeder die Bedeutung des nicht Normalen mit einer höheren Bedeutung versehen, dann gar erläutern. Die Welt wird des Anders-seins muss ja irgendwie greifbar und für alle verstehbar gemacht werden. Vor allem geistliche und säkulare Denker machen sich auf, der Krise eine Bedeutung, ja einen höheren Sinn zu verleihen: „die Zeit nach der Krise könnte eine bessere sein!“

Dem gegenüber könnte man erwidern, dass eben auch ganz rational mit dieser Pandemie umgegangen werden kann. Es ist keine existentielle Krise für die Menschheit, sondern nur eine verdammte biologische Seuche. Und das sieht dann eben genauso so aus, wie es gerade ist. Schön war hier das Interview mit Bill Gates, der den Sachverhalt erklärte, ohne in das Vokabular der Evangelikalen zu verfallen.

Zurück zur Welterklärung: es werden große Gedanken formuliert. Das ist wie das Offenlegen des Innersten, wenn man stirbt. Diese betroffenen Tagebücher kennen wir beispielsweise von Hermsdorf oder Schlingensief.

Und zwischenzeitlich gibt es auch eine Gegenbewegung, die sich zart an diese ‚bedeutungsschwangere‘ Pathetik heranmacht. Der Spiegel zitierte die Autorin Spinney: „es scheint momentan fast so, als erzählte unser Leben.“ Und das ist eher zweifelnd gemeint.

Und gleichzeitig erheben sich die Weltverschwörungstheoretiker von ihren Couches: es sind die Juden; es handelt sich um eine Strafe Gottes. Es paart sich mit dem Klimawandel und den Heuschreckenplagen in Ostafrika. Doch: alles hat Erklärungen. Und an allen Krisen ist der Mensch maßgeblich beteiligt. Wir tragen dafür Verantwortung, haben uns also schuldig gemacht.

Auf Leben und Tod

Die Corona-Beschallung der letzten Wochen hat so etwas wie einen emotionalen Overload hinterlassen, den man wohl mit zunehmender Gleichgültigkeit quittieren wird. Die Erfurter Forscherin Betsch nennt das disaster fatigue.

Es war das Arsenal emotionalisierter Beschreibung und damit auch Wertung, das auf uns einströmte und uns erfasste. Man konnte sich nicht erwehren. Denn jede Ecke des Lebens wurde mit Corona gespiegelt, ob es der Zoo oder die Ernährung war. Und die Worte wurden von den Journalisten, den Monopolisten unter den Erklärern und Berichterstattern so wiedergegeben, dass der Zuhörer glauben musste, das Ende stehe unmittelbar bevor.

Die Lage ist dramatisch;
Die Systeme kollabieren;
Die Helden kämpfen bis zur Erschöpfung;
Die Kliniken sind dem Zusammenbruch nahe;
Die Stimmung kippt;
Das Personal ist an der Belastungsgrenze …

Gleichzeitig wurden heldische Topoi in die Berichterstattung geworfen: Sie arbeiten mit Hochdruck; und unermüdlich; Tag und Nacht; ohne ihre Familien zu sehen; ohne Rücksicht auf sich selbst; und das auch noch zu geringen Gehältern. Es ist wohl die Begleiterscheinung jeder Krise, dass neue Helden geboren werden – auch wenn sie ausschließlich ihren normalen Dienst tun, für den sie vergütet werden.

Bei alledem herrscht Schockstarre statt des Impulses zum Widerstehen. Aber das mag auch normal sein, wenn ein Virus der Feind ist.

Martenstein macht sich in seiner Kolumne lustig über die ständigen Kreuzungen von Corona und Thema x; jede Nische des Lebens wird mit Corona in Verbindung gebracht und zu einer neue story ausgebaut. Alle Kombinationen werden gebildet. Der Leser ermüdet. Doch die Journaille denkt, dass sie das tun muss.

Man muss sich allerdings fragen, was das mit der Stimmung der Menschen macht. Werden sie nicht hin und her geschüttelt, zwischen Ermutigung und Depression?
Schließlich wird die Stimmung durch seltsame Umfragen ermittelt: Macht die Regierung genug? Haben Sie Angst, sich anzustecken?

Hat diese ständige Empörung damit zu tun, dass die Medien ihre Leser nicht mehr anders erreichen? Ist es das augenfälligste Merkmal, was unsere Zeitalter der Empörung ausmacht? Die jüngeren Leute antworten nur noch ‚da nicht für‘, ‚ist schon ok‘ usw. Als ob auf einmal nur noch Hanseaten in uns wohnten! Vielleicht kann dann eine Presse auch gar nicht mehr anders!

Die schrillen Töne werden wieder gesellschaftsfähig. Das Denkbare wird wieder ausgesprochen; man muss sich sprichwörtlich für gar nichts mehr schämen.

Ein ständiger Ausnahmemodus wird dadurch zur neuen Normalität. Es ist wie mit den blinkenden und summenden elektronischen Medien um uns: sie verursachen ständige neue Aktionen, die man wie ein Süchtiger ausführt. Wer kann schon sein Handy einfach nur unbeobachtet liegen lassen, wenn es gerade die Ankunft einer neuen Nachricht verkündet hat? Der Cortisol-Spiegel ist sicherlich gesellschaftsweit so hoch wie bei dem Ausbruch eines Krieges in früheren Zeiten.

Moralischer Absolutismus versus Nihilismus

Politiker werden in ihrem Handeln nur mehr an der moralischen Güte bewertet. Diese moralischen Standards setzen sich aus Nachhaltigkeit, sozialer Solidarität, individueller Freiheit und Stil zusammen. Die jeweiligen Benchmarks sind dabei nicht fix, sondern lassen weiten Spielraum zur Diskussion. Und das sind die Fenster, die in Talk Shows zum zentralen Gegenstand der Diskussion werden.

Trotz eines Konsenses über die wissenschaftliche Überprüfbarkeit mischen sich Sorgen und negative Szenarien unter die Argumentation und werden zu quasi-Fakten. Befürchtungen rangieren hoch. Es wird immer weniger um Hier und Jetzt, sondern um die Zukunft in ihrer negativen Variante diskutiert.

Aber es wird auch breit und mit Lust über das Fehlverhalten von Menschen debattiert; wobei es eigentlich niemals um das richtige Verhalten geht. Es geht darum, was ‚eigentlich‘ nicht in Ordnung ist. Der jeweilige Standard bleibt immerzu im Verborgenen. Der etablierte öffentliche Dialog bewegt sich auf einem sehr kleinen Spielfeld.

Immer mehr werden das Auftreten und die Außendarstellung von Spitzenpolitikern zum Maßstab dessen, wie man ihre politische Leistung beurteilt – also ob man einen guten Arzt an seinem Lächeln erkennen würde oder aber einen Wissenschaftler an seinem Brillenstärke.

Dazu gesellen sich Reflexe, die staatlicher Politik an sich misstrauen; die Bewegung von Menschen muss es sein. Es ist wie zuvor ‚der kleine Mann auf der Straße‘. Er ist die Verortung dafür, am Ort der Wahrheit zu sein bzw. ihn zu besetzen. Nur das Natürliche und Ursprüngliche, das irgendwie Menschliche ist im Recht. Mich erinnert das an den schönen Wilden, der in der vor-aufklärerischen Romantik das Ideal wahren Menschseins ausmachte.

Der Politikwissenschaftler Werner Patzelt ist umstritten, da man ihm eine Nähe zur Rechten unterstellen. Grund dafür ist seine Kritik an der political correctness und ihre tabuisierten Themen; sie wirke wie ein Denkverbot. Und da sich dahinter die Werte der liberalen globalen Eliten verbergen, welche sich zum Mainstream erklären, ist jeder Kritiker irgendwo am Rand zu verorten.

Und dabei zeigt sich das ideologische Moment ganz deutlich: wer nicht mit uns ist, der ist gegen uns – und gehört demnach auch nicht dazu. Ist man also nicht Teil des erklärten Ganzen, ist man Nichts. Man muss tatsächlich ausgegrenzt und bekämpft werden. Der Absolutismus zeigt sich darin, dass selbst gegen die eigenen Werte verstoßen werden kann: die Freiheit des Andersdenkenden ist relativiert.

Das geschieht schleichend; und ehe man sich versieht, hat man das Muster mit der Selbsterklärung, zu den progressiven und guten Menschen zu gehören, zu seinem eigenen gemacht.

Räumen Sie mit ihren Glaubenssätzen auf

Der Begriff ‚Glaubenssätze‘ ist im Coaching und der Psychotherapie gängiges Vokabular. Seltsam ist, dass er sonst keine Rolle spielt.

Bei der Arbeit haben wir eine Matrix, wie weit Wirkung einsetzen kann und wo unsere Grenzen sind. In Freundschaften wissen wir, was wir suchen – und wie weit wir gehen. Im gesellschaftlichen Leben bringen wir unsere Überzeugungen ein.

Sicherlich ist gut zu wissen, was man will; sich selbst und seine Bedürfnisse einschätzen zu können; oder auch nur äußern zu können.

Aber gewiss essentiell ist auch, inne zu halten, und die eigenen Glaubenssätze auf ihre Legitimation hin zu überprüfen. Was meine ich damit? Nehmen wir an, dass ich mit einem Satz / Glauben / Einstellung durch das Leben gehe, der da heißt: „die anderen sollen erst einmal ihre Hausaufgaben machen.“ Gemeint ist damit ein Konvolut von Glaubenssätzen, die sich zu einer Haltung verdichten: ich bin gut dabei; mir habe ich nichts vorzuwerfen, irgendetwas vernachlässigt zu haben; ich bin immer fleißig und den anderen voraus; die anderen aber sind nachlässig und nicht auf Höhe; die Mitmenschen können einfach nicht Schritt halten; immer muss man sie antreiben. Und natürlich könnte man daraus ein umfassendes Selbstbild ableiten.

Doch: betrachtet man die Aussagen aus einer anderen Perspektive, sind sie zunächst befremdlich: erstens sind sie absolut – als ob Wahrheiten immer und allem standhalten würden. Das aber kennen wir eigentlich nur von Gesetzen in den exakten Wissenschaften. Dann ist dies nur eine Quelle, die eine Arbeitshypothese hat, aber auch ohne Evidenz und Überprüfung auskommt. Drittens dürfte die Haltung schon dann relativiert werden müssen, wenn auch nur ein anderer Mensch anders denken würde. Dann nämlich müsste einer von beiden unrichtig sein. Und schließlich erzwingt das Bild der Normalverteilungskurve, dass eben die Menschen grundsätzlich verschieden sind.

Doch auch der Mensch mit solchen Glaubenssätzen selbst gerät in Schwierigkeiten. Denn viele Menschen kommen ob der Gestiken und impliziten Aussagen auf die Spur eines solchen Glaubenssatzes. Und sie werden zu verstehen geben, dass dies nicht stimmt. Schon gar nicht mögen Menschen, auf Dauer ungeschätzt zu werden. Sie wenden sich dann eher ab. Und so ist der Glaubenssatz per se nicht vereinbar mit gesunden sozialen Beziehungen.

Was tun? Gehe auf die Suche nach Deinen Glaubenssätzen!

Denkmuster in der Krise

Es gibt ja dieses bekannte Muster der ‚inneren Antreiber‘ aus der Transaktionsanalyse: die Antreiber brechen sich mit der Krise Bahn. Im Stress sind sie nicht mehr zu stoppen. Jeder verhält sich unter Stress extremer. Die Antreiber sind: Genauigkeit und Fehlerlosigkeit (Sei perfekt!); Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit (Sei anderen gefällig!); Gründlichkeit und Durchhaltevermögen (Streng Dich an!); Stärke und Unabhängigkeit (Sei stark!); Schnelligkeit und die Fähigkeit, Chancen zu nutzen (Beeil dich!).

Nun haben wir Corona: und die Welt steht Kopf. Man muss sich fragen, wieso das eigentlich so ist. Denn die aktuelle Grippewelle mit 100en von Toten ist egal, die Todeszahlen des Winters 2017/18 von 25.000 Menschen alleine in Deutschland niemandem geläufig. Genauso wenig wie die 400.000 Toten, die Afrika jährlich durch die Infektionskrankheit Malaria zu beklagen sind.

Die Medien und die Politik gehen dabei eine seltsame Koalition ein, die dennoch irgendwie rational ist: es heißt bloß Ruhe zu bewahren und keine Panik auszulösen. Und gerade das schafft die Kommunikation, indem sie eben immer mehr mit dem Thema präsent ist. Wer nicht die ungeschönte Wahrheit ausspricht, befördert Spekulationen und Befürchtungen.

In einem Land mit der Garantie freier Selbstbestimmung ist das schwierig, da eben die ‚Kein Zwang‘-Politik an ihre ultimative Grenze stößt. Am besten ist dies gekennzeichnet mit dem Satz, der derzeit auch wiederum Schlagzeilen macht: „freie Fahrt für freie Bürger.“

Man fühlt sich ähnlich einer Notsituation im Verkehr: es stockt; aber man wird nicht informiert. Denn wieso treibt man dieses ganze Spiel? Ist das nicht völlig überzogen?

Dann erhält man Zeichen aus dem sog. gut gerüsteten Gesundheitssystem: Ärzte ziehen nämlich nicht mit. Sie weigern sich auch, einen Check vorzunehmen, weil dann die Praxis 2 Wochen wegschlossen wird.

Das ganze Beispiel zeigt allenthalben ritualisiertes Handeln mit wenig gesundem Menschenverstand. Schön war, dass die Kanzlerin bei allen Forderungen nach Gesundheitsschutz zur Mäßigung und zum Abwägen aufgerufen hat. Das ist angesichts der radikalen Szenarien zum Stopp des öffentlichen Lebens völlig richtig. Zudem dürfte sich eine Wirtschaftskrise anbahnen. Aber es ist jetzt schon absehbar, dass Journalisten und Kommentatoren nach dem Abflauen wieder von Überreaktionen reden werden.

Aber nein

Es gibt Menschen, die jede Aussage mit einer Gegenaussage kommentieren.

Um ein Beispiel zu machen: ist heute nicht schönes angenehmes Wetter? Schon, nur könnte es doch eigentlich 5 Grad wärmer sein. Oder: fandest Du nicht auch, dass das gestern Abend ein tolles Fußballspiel war? Die hätten doch aber höher gewinnen können.

Es gibt zwei Arten von ‚aber nein‘: die erste Art verstärkt noch die erste Aussauge. Der die gemacht hat, ist dann über das Nein recht überrascht. Am liebsten würde er kommentieren: aber das habe ich doch gerade selbst gesagt. Er ist dann ein wenig verwirrt.

Die zweite Art ist die Entgegnung mit einer Bekräftigung, dass die Aussage nicht stimmt – eigentlich eine bodenlose Behauptung ist. Es ist wie ‚stimmt nicht’.

Solche Menschen mit diesem Automatismus kommen vor: und sie nerven. Denn stets provozieren die das Gefühl, dass der andere belehrt und besser weiß, was richtig ist. Der andere stellt sich also auf eine höhere Stufe – ganz wie ein Gewinner einer Goldmedaille. Und dann weiß man auch, dass man schlechter, schwächer und weniger leistungsfähig ist. Aber: der andere behauptet es ja nur.

Vermutlich schwingt das bei den meisten Menschen mit. Doch erfüllen sie wohl eher den Wunsch des Besserwissers; der Ärger des anderen ist ein Kollateralschaden, der eben damit einher geht.

Solche Menschen können nicht glücklich werden, soweit sie nicht Partner finden, die wiederum sagen müssten: aber ja, Sie haben natürlich vollkommen recht. Das sind die, für welche die Vermeidung von Konflikten und ihren Konsequenzen das höchste Gut für das eigene Verhalten ist. Nur dann passen ‚aber nein’ und ‚aber ja’ zusammen.

Bin ich mehr als die Summe meiner likes?

Kürzlich las ich auf einem großen Plakat diesen Satz, den vermutlich eine der christlichen Konfessionen als Thema erfunden hat. Die Frage ist jedoch klasse: denn sie thematisiert etwas, was wohl tatsächlich für heranwachsende Menschen zur Frage werden kann. Ist denn mein Profil im Netz die Abbildung meiner selbst? Ist es vielleicht nicht auch viel ausdrucksstärker als ich selbst erklären könnte? Was bin ich denn überhaupt, was nicht die Einträge im Netz schon dokumentieren? Kann überhaupt etwas real sein, das nicht im Internet hinterlegt ist?

Im Netz kreiiert man ein Profil, wie man gerne anderen Menschen erscheinen möchte. Genauso so will man gesehen werden. Erwachsene können sich darüber lustig machen, aber auch ihre Einträge in den sozialen Medien strotzen von künstlichen Selbsteinschätzungen. Auch bei Jugendlichen ist es zur allmächtigen Haltung geworfen, wenn man den Jugendstudien glauben schenken darf. Der wichtigste Wert an sich ist, wie man selbst aussieht.

Je mehr der Avatar / die Identität im Netz nun Aufmerksamkeit findet, desto mehr könnte man glauben, dass man ein sichtbares Resultat des eigenen Ansehens in der Welt hat. Dies ist viel deutlicher als im realen und analogen Leben, da man sich dort der Aufmerksamkeit und der Wertschätzung nicht sicher sein kann, sondern sie erst enträtseln und aufdecken muss. Wie viel einfacher ist es aber, die Daumen zu zählen.

Diese neue Währung der Aufmerksamkeit ist eine Irrung mit Blick auf die Ausbildung einer Persönlichkeit: der Mensch begibt sich so in Abhängigkeit vom Urteil anderer, als Einzelperson, aber auch als Figur im Netz mit all’ seiner Öffentlichkeit. Wie gelingt es dann, überhaupt mit sich in einen Dialog zu treten, wenn nur und ausschließlich der Daumen der anderen zählt? Der moderne Internet-Mensch liefert sich so vollends aus.

Das Netz wird zu dem, was die bürgerlichen Liberalen mit Entsetzen bei Gemeinschaften von Migranten vermuten: es wird eine Parallelgesellschaft. Und man muss zuweilen den Eindruck bekommen, dass das Netz wirkungsmächtiger ist als die reale Welt. Beispielsweise sind die vielen solitären Attentäter nur ihrer sog. Netzgemeinde verpflichtet. Nur die zählen, nicht die Eltern oder die fehlenden anderen Bezugsgruppen.

Und ist man denn nun nur die Summe seiner likes? Man kann es kurz und simpel beantworten: die Menschen sind eben nicht nur eine Collage von Bildern mit kurzen Kundenbewertungen darunter. Sie sind auch nicht nur Ansammlungen von physiologischem Material und chemischen Substanzen.

Das relative Prinzip der Gerechtigkeit

Gerechtigkeit ist ein Wort, das sich vielleicht so vieler Deutungen erfreut, wie es Menschen gibt. Denn jeder hat wohl eine sehr eigene Art von Vorstellung, was gerecht ist.

Ein durchgängiges Prinzip könnte die Formel sein, dass es „für mich gerecht“ ist. Das bedeutet wohl, dass man seinen richtigen Anteil reklamiert. Was einem zusteht, ist indes alles andere als klar. Denn man kann ja nicht sagen, dass man von allem ein Stück Kuchen haben will – das ist illusionär wie unsinnig. Wenn jemand anders aber einen Vorteil hat, dann ist man auf diesen neidisch. Das mag auch das Grundgefühl derjenigen sein, die dem Sieger bei einer Tombola nicht seinen Preis gönnen.

Oder die Nachricht von Menschen, denen in Not noch ein Unglück passiert. Der Mensch beurteilt das Leben wie den Alltag unter seiner ureigenen Vorgabe nach einem Gleichgewicht. Es kann so nicht sein, dass manche Menschen viel Leid erfahren, andere aber nicht. Pechvögel und Glückspilze sollten nur Ausnahmen bleiben.

Gerechtigkeit wird auch als Muster gegen die Ungleichheit an Macht und Anerkennung vorgebracht. Die da oben verschieben doch nur unser Geld; der kleine Mann muss aber hart für sein Einkommen arbeiten. Also will man diese vertikale Stratifizierung unterbinden. Seltsamerweise ist der protestantische Deutsche dann aber voller Akzeptanz, wenn es um die Vermögensungleichheit geht. „Das geschieht denen recht“ ist die Formel der ausgleichenden Gerechtigkeit: nur zu häufig wird dann das Unglück von Reichen kommentiert; es kann aber auch sein, dass man den Lottogewinn von armen Menschen beglückt kommentiert. Der Deutsche denkt tatsächlich in Kategorien einer fairen Verteilung von Lebenschancen. „Das hat er sich verdient“ wäre so eine Floskel, die das stützt.

Eine Selbstverantwortung steckt hinter vielen Konzepten der Gerechtigkeit: nur wer für sich selbst sorgen kann, ist auch für sein Schicksal verantwortlich. Die anderen aber sollen die Hilfe der Gemeinschaft beanspruchen dürfen.

Es hätte mich treffen können

Die me too-Debatte ist noch nicht vorbei; schon wird sie zum Standard des Mainstreams in Deutschland. Zwischenzeitlich nervt mich das immer mehr. Immerhin habe ich das Glück, als neutraler Beobachter fungieren zu können. Denn ich bin weder Täter noch Opfer.

Doch kann ich mir nach solch einleitenden Zeilen vorstellen, einen Vorwurf zu provozieren, dass niemand unschuldig ist: man hätte auch etwas unternehmen können, um das Unglück zu verhindern. Denn man könnte sich doch einbringen: auch Männer könnten in der Debatte etwas beitragen. Aber eigentlich sollten sich die alten, weißen Männer besser schämen. Denn es sind doch die, die die herrschenden Strukturen zementieren. Und wenn die bestehen, müssen sie auch eine Mitschuld tragen.

Am Max Delbrück-Zentrum in Berlin wurde nach Angaben des lokalen Radiosenders Jahre lang sexueller Missbrauch betrieben. Es handelte sich um Übergriffe wie x, aber eben auch Komplimente. An demselben Tag veröffentlichte die Anti-Diskriminierungsstelle eine Statistik, wonach jede/r 11. Arbeitnehmer/in schon Übergriffe erfahren habe. Und die Bundesministerin für Familie wurde zitiert, dass doch bitte mehr strafrechtlich verfolgt werden müsse.

An diesem Tag bekam ich den Eindruck einer Weltverschwörung und einer globalen menschlichen Tragödie: alle Männer sind Schweine; und ein Lebens entscheidender Umstand wird unter den Teppich gekehrt.

Diese Debatte wird abstrakt und isoliert diskutiert. Sie beläuft sich auf Überschriften; nur die Anklage alleine soll schon einen Missstand feststellen. Es muss nicht weiter differenziert werden. Die Angeklagten würden sich doch nur herausreden wollen und irgendwelche Argumente erfunden. Immer dieses Geschwafel – verdammt, gib es doch zu!

Das klingt ziemlich nach Pöbel, mehr noch nach Mob. Das ist, wie sich die sog. aufgebrachte Masse gegenüber dem Verdächtigen verhält. Eine differenzierte Verteidigung kommt einem Schuldeingeständnis gleich.

Und wenn es auch möglicherweise nicht zu einem Übergriff gekommen ist, dann ist doch schon der Umstand der Möglichkeit verdächtig. Ist nicht schon alleine die Möglichkeit alleine strafwürdig? Der Diebstahl findet schließlich auch nur statt, weil die Umstände ihn erlauben.

In derselben Masche sah ich einen Fernsehbericht über Original Play. Es geht dabei um geplantes körperliches Ringen und Raufen. Das verantworten Erwachsene und Kinder. Die Aufregung war enorm: es liest sich wie eine Anleitung zum Kindesmissbrauch. Und schon gibt es erste Stimmen von Kindern, dass die Erwachsenen auch intime Körperteile berührt hätten.

Fast muss man sich schämen, nicht in dasselbe Horn zu stoßen. Denn sonst verharmlost man den Sachverhalt. Man muss schon Position beziehen; klare Kante zeigen.

Es ist ähnlich den großen Bewegungen im Mittelalter, als der Verdacht bestand, dass den Menschen der Teufel innewohnt. Man mutmaßte in allem und jedem Anzeichen dafür. Aber auch in den 1970er Jahren zeigte sich der Wahn, die Terroristen aufspüren zu wollen. Phasen der Hysterie verschlucken leider den gesunden Menschenverstand.