Umdeutung

Kennen Sie das? Eine enge Bezugsperson trennt sich von ihrem Lebenspartner: und plötzlich ist der Ex der lebendige Anti-Christ, der das Böse schlechthin verkörpert. Eine völlig ungeahnte Volte Face drängt auf Sie ein. Ausweichen können Sie nicht: schließlich verlangt man von Ihnen unbedingte Solidarität.

Alleine die Erhaltung der Freundschaft ist schon schwierig, ohne sich erpressen, vergewaltigen oder völlig fremd bestimmen zu lassen. Denn im Augenblick höchster Emotion ist man gezwungen, Stellung zu beziehen, und einen Dritten abzuurteilen oder eben zu verteidigen.

Es erinnert an einen Politthriller im Verborgenen: man muss bei einem Verhör genau das Gegenteil seiner Rolle spielen, um überleben zu können. Man muss sich von eigenen Überzeugungen distanzieren.

Oder aber man schwört von einer Überzeugung ab, weil man sich in einer Sache getäuscht hat; auch von einer heldisch verehrten Person. Das geschieht bei moralisch verwerflichen Taten; oder der plötzlichen Ablehnung durch den anderen. Eine Illustration dafür ist der kirchliche Hirte, der sich sexuell an Kindern vergangen tat.

Und was passiert dann? Ex post wird alles umgedeutet: die positiven Seiten werden relativiert und verdrängt; die bislang negativen Aspekte werden gesucht, gefunden und verstärkt. Das Spiegelbild wird verkehrt, das bisherige Zeugnis auf den Kopf gestellt.

Im eigenen Denken dürfte tatsächlich die Landschaft, also das Konzept des anderen nach Kästchen durchsucht werden, die sich – Basis-logisch – umdrehen lassen. Im Schnelldurchlauf wird jegliche Kleinigkeit vergrößert, um zum Charakter umgedeutet zu werden.

Wer ist davor geschützt? Niemand!

Ein Fluchtweg könnte sein, nie den anderen auf einer Werteskala für immer und ewig platzieren zu wollen. Man muss wohl tatsächlich dynamische Einstellungen zu Menschen haben: sich auch zu erlauben, dass er oder sie sich verändert ebenso wie man selbst.

Wie beendet man eigentlich einen Streit?

Wer kennt nicht die emotionale Kurve eines Streits? Der Körper geht hierbei in eine Kampfsituation wie auf einem Schlachtfeld. Man fährt alle biologischen Treiber hoch, um zu gewinnen. Der Kopf jedoch wird nur noch geduldet, nicht mehr gehört.

In dieser Situation geht es dem Körper um Leben und Tod. Der Organismus ist auf Kampf ausgerichtet: Angriff, Flucht oder Starre sind die Optionen. Und alles passiert in solchen Situationen: im Verlauf der Eskalation würde man dem anderen am liebsten ins Gesicht springen und zum Schweigen bringen. Dann aber befiehlt die Intuition, einfach aufzugeben und zu gehen. Uns schließlich ist man so verblüfft und gelähmt, dass man – phänotypisch in sich gekehrt – einfach nur ins Leere starrt.

Wie angenehm ist doch der Streit, der nur Wettbewerb ist: wie machen das die Briten eigentlich? Wieso sagen sie am Ende ‚Konsens im Dissens‘? Warum nur wissen Briten um den sog. gesunden Menschenverstand, der die Haltung zur Grundlage hat, dass am Ende nur die Sicherheit zählt, selbstbestimmt zu sein? Und wieso kann man dann zurückstecken, um nicht des Recht haben Willens ungerecht zu werden?

Es ist so schwer, einen Konflikt als solchen nicht als Bedrohung zu empfinden. Und ihn als Normalität zu werten, der die eigene Existenz nicht bedroht.

Vermutlich muss man das lernen. Wahrscheinlich ist richtiges Streiten ein Lerngegenstand, der zur Grundausstattung eines gelungenen Lebens gehört. Nur wer das lernt, nimmt einen Streit nicht als Niederlage oder als offene Frage mit ins Bett und in den Schlaf.

Ein Streit braucht Haltung: denn Streit muss möglich und normal sein; keinesfalls eine Ausnahme von der Regel sein; emotionale Aufruhr hilft nicht, sondern führt ins Chaos.

Technik und Methode eines guten Streits leiten sich von der Haltung ab. Denn ist man sich sicher, bei einer Niederlage kein wichtiges Opfer bringen zu müssen, ist genau das Unterliegen gleichgültig. Ist man sich klar, das Gegenüber für eine längere Zeit vor den Kopf gestoßen zu haben, wenn man ‚Recht behält‘, sollte man besser davon absehen. Will man sportlich bleiben, so würde man abbrechen, um zu einer späteren Revanche aufzurufen.

Man nehme die Harvard-Methode bei Verhandlungen. Man nehme die Formel der Politikwissenschaft: who gets what and how? Oder man nehme das Prinzip der Fairness. Immer geht es darum, im Einvernehmen zu streiten. Dazu gehört Haltung, vielleicht auch ein wenig Einsicht. Auf jeden Fall ist es möglich.

Berufslächeln

Manche berufliche Handlungsweisen leben vom Lächeln ihrer Protagonisten. Dazu zählen vor allem Serviceleistungen wie Hostessen, Flugbegleiter, Verkäufer, Politiker, Sänger oder Krankenpfleger. Diese Berufsgruppen zählen zu ihrem Servicegedanken, dass jegliche soziale Interaktion von einem Lächeln begleitet wird.

Ich frage mich immer, ob ich mit dem Lächeln gemeint bin, wenn ich dann in ein berufslächelndes Gesicht blicke. Weitet man diesen Gedanken, so kann man hinter jedem Lächeln zweifeln, ob es ernst gemeint ist.

Auch ich selbst bin selbstverständlich anfällig für ein intendiertes und täuschendes Lächeln. Wer kennt das nicht!? Denn manchmal ist man peinlich berührt; dann spricht man eine kleine Notlüge aus; weiter überspielt man Unwissen; oder man will einfach nicht sprechen und streckt die Situation.

Und man kennt auch die Warnung der Großmutter, die sagt, dass jemand nur wirklich lächelt, wenn auch die Augen mit lachen – wie das auch immer aussehen mag. Denn kneifen die sich dann an den Rändern zusammen? Werden sie leicht feucht? Oder was?

Außerdem frage ich mich, ob das bloße Lächeln schon dazu führt, dass der Körper an Freude und Glück glaubt. Könnte also das Dauerlächeln dazu führen, dass sich positive Auswirkungen auf die Gesundheit ergeben?

Und der Clown? Ist er ein Lächler, was man nur nicht sieht? Es ist eigentlich schon erstaunlich, dass ausgerechnet Komiker so selten lachen. Wahrscheinlich ist es einfach ein harter Job und kostet viel Energie, andere Menschen zum Lachen zu bringen.

Zurück zum Berufslächeln: gehört das irgendwann zum persönlichen Charakter? Kann denn auch mit dem Lächeln eine Boshaftigkeit einhergehen? Ist es einfach Notwehr? Können die Berufslächler in ihrer Freizeit überhaupt noch lachen? Haben die vielleicht far Muskelkater? Sollte man sie im Privaten besser meiden? Oder muss man sie doch eher bemitleiden?

Muss man das auch schon in die Berufsorientierung mit einbringen? Man stelle sich vor: eine Automat beim Jobcenter würde anhand der Bereitschaft zu lächeln, Berufsprognosen vorzunehmen. Ich wäre nicht entdeckt worden.

Zornige alte Männer

Schon länger arbeite ich mono-thematisch in einem beruflichen Umfeld, das spannend und gleichzeitig nachhaltig ist. Ich bin jünger eingestiegen und habe somit schon vor längerer Zeit Menschen kennengelernt, die jetzt in den Ruhestand gehen. Damals war ich der Neueinsteiger, heute bin ich der reife Experte.

Die heute älteren Kollegen haben etwas gemeinsam, i.e. die Wehmut um die guten alten Zeiten. Meist erzählen sie ungefragt von Dingen, die früher diskutiert und entschieden wurden – als ob die Lösungen für heutige Probleme schon längst umgesetzt worden wären.

Dann führen sie auch Namen von Personen, Einrichtungen oder Problemstellungen an, die keinen Bezug zur politischen Diskussion der Gegenwart haben. Auch zürnen sie ob vertaner Chancen und vertaner Lösungen – gelegentlich poltern sie, machen die einstigen Weggefährten nieder. Oder sie stellen die als Kumpel dar, die sie früher auf das Blut bekriegten.

Für den Zuhörer ist es schwierig: denn er versucht, Respekt zu zeigen sowie den Bezug zum Jetzt abzuleiten. Es ist wie die Erwähnung der ‚Emser Depesche’, deren Brisanz zu erklären mindestens fünf Minuten dauert. Es ist schlicht aus einer vergangenen Zeit, deren Bezug zum unmittelbaren Gespräch unklar ist. Dem älteren Mann gegenüber jedoch ist die Verbindung entweder eindeutig oder gleichgültig. Die Verbindung zu erklären, will er sich nicht herablassen: denn das zu tun, bedeutete dem jüngeren Kollegen nicht zuzutrauen, es selbst zu tun. Wie dann ließe der sich noch ernst nehmen?

Zwingt man sie aber, die jetzige Problemstellung differenziert zu begleiten, erinnern sie sich nurmehr der Anleihen an frühere Aufgaben. Das jedoch hilft nicht. Fordert man sie zum konstruktiven Mitdenken auf, zürnen sie. Das mag nun daran liegen, dass ihnen die gedankliche Flexibilität abgeht, oder aber sie auf ihrer Perspektive beharren, die sie als höherwertig betrachten – schließlich waren sie ‚zuerst‘ dabei.

Kürzlich erlebte ich folgendes: in einer Diskussionsrunde spulte jeder Teilnehmer seine Überzeugungen herunter – ohne unmittelbaren Bezug zur Themenstellung. Ich wagte mich mit der Erinnerung an die Fragestellung – und wurde von den einen ignoriert, von den anderen beschimpft. All‘ das Geschehen hatte nichts mit der thematischen Auseinandersetzung zu tun: es ging einigen darum, nicht an vergangene Geschichte erinnert zu werden; nicht von diesem Wessi-Stil vorgeführt zu werden; und nicht an der demonstrativen kollektiven Begeisterung für eine These zu kritteln – vor allem aber, nicht zu einer differenzierten und einer vollziehbaren Argumentation aufgefordert zu werden.

Würde ich wieder tun? Ich glaube, dass dies nur von meiner Tagesform abhängt.

Armselig

Woher kommt eigentlich dieser Begriff?

Lassen Sie uns spekulieren: auch die Armen kommen in das Himmelreich; weil man arm ist, kann man sich nicht größerer Betrügereien schuldig gemacht haben; es kann die Entschuldigung sein, dass Arme auch in der Kirche wichtig sind, wenn sie nichts spenden; gerade die Armen sind selig, da sie nicht durch Gier verdorben werden.

Es ist im Sprachgebrauch allerdings eine vernichtende Beurteilung: denn der Sprechende sagt damit, dass der Adressierte für ihn ‚gestorben‘ ist. Es ist wie ein Urteil vor Gericht – und zwar ein absolutes!

Im Wörterbuch steht:

1. wegen materieller Armut karg, elend, ärmlich

2. abwertend: jämmerlich, gering, unzureichend

Auch ist zu lesen, dass sich ‚selig’ nicht von Seele ableitet, sondern aus dem Althochdeutschen für gut, glücklich, gesegnet, heilsam.

Damit aber ist noch immer nicht geklärt, wie es das Wort zu einer solchen Bedeutung geschafft hat.

Ich nutze das Wort selten aktiv: ich würde wohl dann Gebrauch davon machen, wenn ich etwas moralisch aburteilen wollte. Beispiel wäre das Bestehlen eines Obdachlosen. Erst im Nachgeschmack würde mir wohl klar, dass ich dann wir eine höhere moralische Instanz agieren und urteilen würde. Das wäre mir wieder zu viel an Selbstverpflichtung und Augenzwinkern. Vermutlich würde ich armselig eher als gutes Wort nutzen, die Ärmsten der Armen zu bezeichnen. Noch gebrauche ich arme Tröpfe.

Die schöne alte Vergangenheit

In ‚Klassentreffen‘ resümiert der Schauspieler Charly Hübner, dass die Vergangenheit doch schöner als Gegenwart und Zukunft ist.

Wenn man nun die Wahl hätte, würde man sich in die Vergangenheit beamen wollen? Würde man tatsächlich diese Wirren der Jugend erneut durchlaufen wollen, die einem so viel Unsicherheit beschert haben? Wollte man erneut durch Pickelalarm, Demütigung durch die Konkurrenten und die materielle Abhängigkeit gehen wollen? Würde man sich tatsächlich aufraffen wollen, sich zu engagieren und zu arbeiten, um endlich auf eigenen Füßen stehen zu wollen? Würde man diese ganzen Prüfungen nochmals durchlaufen wollen?

Diese Verklärung kenne ich nicht: vielmehr habe ich noch immer das dumpfe Gefühl, mir den damaligen Kontext nicht hatte aussuchen können. Mir gefielen meine Bezugspersonen nur bedingt, waren sie doch zu dominant und zu sehr mit ihrer eigenen Identitätsbildung beschäftigt. Die erzwungenen sozialen Bindungen haben mich schon immer genervt – das hatte sich also schon in der Jugend herausgebildet.

Objektiv war ohnehin die Vergangenheit mit weniger Komfort und mehr Unabwägbarkeiten verbunden. Es gab mehr Gewalt; weniger Auswahl; allein das Bedienen der Wohnung machte mehr Arbeit; mehr Leerläufe; eine un-endliche Welt.

Jedoch war auch, was heute nicht mehr ist: eine gewisse Höflichkeit unter den Menschen; mehr gegenseitiges Kümmern als bloße Coolness und Durchsetzung; mehr Verbindlichkeit unter den Menschen; eine tiefere gedankliche Auseinandersetzungen mit den großen Fragen des Lebens; und eine emotionalere Tiefe.

Wenn ich mir vorstelle, meine alte Klasse wieder zu treffen, dann geht das nicht mit einer großen Vorfreude einher. Zu sehr befanden sich die Personen in der Schlacht um das Beliebtheits-Ranking. Schon immer fehlte mir bei ihnen die absichtslose Freundlichkeit. Ich komme mir dann vor, als sei Gegenwart.

Dominantes Palaver

Palaver ist ein schönes Wort, das den Vokal ‚a’ zum Klingen bringt. Es ähnelt dem Palare im Italienischen.

Ich kenne eine Reihe von Leuten, die Gespräche nicht beenden können: kommt es zur ersten Andeutung einer Abrundung oder eines Abschlusses, entspringt erneut die Lust am Reden. Und ein neues Thema wird eröffnet.

Es gibt auch Menschen, die Dialog als Monolog missverstehen: dazu zähle ich einige Kollegen. Der eine wendet sich dann an den Adressierten – unterhalb der Komfortzone, die man gemeinhin auf eine Elle Länge bemisst. Eine andere kann in einem Gespräch den anderen nicht erneut sprechen lassen und fährt mit lauterer Stimme fort, ohne Inhaltliches zu sagen. Ein weiterer redet in jedem Dialog 3x so viel wie der andere, als ob es eine fixe Idee wäre. Und eine letzte Kollegin unterbricht das Gegenüber in einem Dialog ständig mit ‚bitte?‘. Formuliert der dann erneut seinen Satz, wird er sofort wieder unterbrochen.

Das Opfer dieses Schwalls fühlt sich dominiert, ja ungehört. Es ist wie ein Schauer Regen, der auf einen niederprasselt, ohne ihm entweichen zu können. Es ist ein wenig wie Missbrauch: denn man erlebt das Zuhören als Gefangenschaft und Fremdbestimmung.

In ihrer Cicero-Kolumne en passant hat Sophie Dannenberg kürzlich auch genau das berührt: https://www.cicero.de/search/node?keys=Dannenberg. Sie haben gehört, dass Menschen im Verlauf ihres Lebens einen Gutteil daran verschwenden zuzuhören.

Man muss sich fragen, wie solche Änderungen von der Normalität entstehen. Und welchen Zweck es wohl erfüllt? Was haben nur diese Vielsprecher davon? Bekommen sie nicht mit, dass man sich flehentlich nach einem Ende sehnt? Noch schlimmer wird es, wenn der andere dann noch räumlich näher kommt oder gar mit Berührungen Nähe kommuniziert.

Man muss schließen, dass das für den anderen wichtig ist; dass er sich gar wohl fühlt, indem er spricht. Es ist vermutlich nicht nur Teil seines Verhaltensrepertoires, sondern seines Charakters und seiner Persönlichkeit. Es ist ihm ein Bedürfnis. Er ist süchtig danach.

Umso schwieriger ist es, sich dessen zu verwehren, weil es einem auf die Nerven geht. Es heißt, genau diesen Teil einer Persönlichkeit zunächst auf die Ebene des Gesprächs zu heben und dann noch rational zu thematisieren. Das könnte in etwa so klingen: ich sehe eine Unwucht in unseren Redeanteilen; gerne würde ich dieselbe Gelegenheit haben, meine Gedanken auszuführen; oder ich möchte auch sprechen. Ob das gehört würde?

Löw und Thon

Und wieder bin ich erzürnt über den Wandel der journalistischen Berichterstattung. Denn wie in einem schlechten Drehbuch wurde der ‚ehemalige Weltmeister‘ nach seiner ‚Haltung‘ über die Trennung von 3 Spielern gefragt. Und so wurde die persönliche Haltung eines fachlichen Experten erfragt.

Es ging dabei um ‚richtiges‘ menschliches Verhalten, das timing, die Art und Weise usw. Es sagt viel über den Interviewten, nicht aber über den Trainer Löw aus.

Daher muss man sich als Konsument, als Hörer oder Leser fragen, wieso man solchen Kommentierungen seine Aufmerksamkeit und Zeit schenkt. Ist das interessant? Sind das News? Ist das von öffentlichem Interesse? Ist es das, was die Briten human interest nennen?

Und hat das irgendetwas mit der fachlichen Entscheidung zu tun? Denn das legitimiert doch überhaupt die Einladung eines bekannten ehemaligen Profi-Fußballers. Blickt man auf den Sachverhalt des WM-Aus der deutschen Mannschaft, ist es folgerichtig, die Leistungsträger auszutauschen, die eben ihre Leistung nicht abrufen konnten.

Wochen lang überboten sich die Kommentierungen darin zu fordern, ein Schnitt zu machen. Das implizierte, die bekannten Schlüsselfiguren zu entfernen. Jetzt geschieht es – etwa 8 Monate später – und führt zu einer erneuten Welle der Empörung: wie kann es sein, dass die Helden der Vergangenheit gehen müssen?

Es geht den Medien offensichtlich kur darum, ein Thema zu haben, das Schlagzeilen und Aufmerksamkeit schafft. Es geht nicht um den Auftrag, nicht um öffentliches Interesse, nicht um relevante Information. Das Moralisieren taugt ausreichend dazu, Themen zu Headlines zu machen.

Und gleichzeitig halte ich das moralisieren ob des Fehlverhaltens eines anderen und auf dessen Kosten für un-moralisch: Wie nur kann man zu Lasten anderer profitieren wollen? Pfui!

Ich habe Emotionen, also bin ich gut

Thematische Losungen werden von Menschen über ihr gesamtes Leben getragen. Ein Thema kann ein Evergreen sein, wenn es zum Lebensthema wird. Immer wieder wird es neu bestärkt; meist auch nach außen getragen. Es ist wohl wie ein Trauma, das nicht vergeht; wie ein lebenslanger Wunsch, der unerfüllt bleibt; wie ein Glaubenssatz, der stärker als ein religiöses Glaubensbekenntnis ist.

Eine Kollegin im Job ‚rühmt‘ sich damit, gut zu sein. Sie trägt diese Überzeugung dann nach außen, wenn sie provoziert wird. Zu ihrer Erklärung von Güte gehören einige Konzepte: Schwächere zu beschützen; über Ungerechtigkeit zu schweigen; und eigene Emotionen auch in der Öffentlichkeit zu zeigen. Sie unterstreicht ihre vermeintliche moralische Überlegenheit mit körperlich eindeutigen Hoheits-Bekundungen ihrer selbst.

Das ist bemerkenswert, da sie gleichermaßen auf die Bestätigung durch den anderen hofft und an sich auch damit rechnet. Kommt es nicht dazu, dreht sie den eigenen Körper so weg, wie ein römischer Feldherr seinen Mantel um den eigenen Torso wirft, um danach auf sein Pferd zu steigen und davon zu reiten. Aussage: „ich bin überlegen, mir treu und ohnehin ein Star.“

Menschen dieser Überzeugungen habe ich immer wieder getroffen. Es ist selbstverständlich nicht möglich, sich über das Phänomen mit dem selbst erklärten emotionalen Mensch zu unterhalten – zu viel Rationalität, zu viel Abgeklärtheit, zu viel Überlegenheit werden einem dann vorgeworfen. Kann man denn Nichteinmischung nur intuitiv fühlen? Und somit die Wahrheit sagen? Muss dieses umständliche Denken und Fabulieren sein? Ist das nicht Kopf-lastig? Entfernt einen das intellektuelle Geschwafel nicht von der echten Wahrheit, die irgendwo im Bauch steckt?

Was hier verkehrt wird, ist die Freiheit des Selbst gegenüber der Pflicht zum Benehmen gegenüber dem anderen. Es ist ein Egoismus, der den Schaden des anderen für schadlos hält, da man schließlich intuitiv gehandelt hat: denn das Gute kommt von innen. Das Nachdenken und Abwägen ist eine Abkehr von der Natur.

Aber: die Natur des Menschen ist zwar dies des ens soziale. Jedoch bleiben wir eben auch Raubtiere: homo homini lupus.

Bilanz und Standortbestimmung

Menschen um die 50 haben viel hinter sich – und meist noch einiges vor sich. Der öffentlichen Einordnung gilt das als mid life crisis. Komisch ist, dass dies nicht als x-te Chance angesehen wird.

Das dürfte historisch einzigartig sein. Denn Menschen waren mit 50 Jahren für die traditionelle Gemeinschaft nicht mehr Investition, sondern Ballast. Sie konnten für den Fortbestand der Gruppe nur noch dann von Nutzen sein, wenn sie Medizinmänner wurden oder kluge Entscheidungen für die Belange aller fällen konnten.

Heute fühlt es sich für den über 50-jährigen ähnlich an. Doch sein Selbstbewusstsein ist ein anderes. Denn die Lebenserwartung ist höher und ein Einsatz auf dem Arbeitsmarkt möglich und nötig.

Also ist die Situation einmalig: jeder kann noch fast zwei Jahrzehnte mit einer durchschnittlich moderaten Gesundheit aktiv sein. Es gibt also eine Perspektive.

Und die Geschichten aus dem privaten Umfeld und den Medien zeigen immer wieder, welche Chancen Gesellschaft und Arbeitsmarkt heute der Gruppe 50+ bieten. Die Führungsetagen sind voll von dieser Altersgruppe. Sie sind quasi das Gerüst oder der Sicherheitsanker für das gesamte Land.

Wer jedoch nicht eingeschlagene Wege weitergehen kann, wer nicht seine Entwicklung vertiefen kann, muss Bilanz ziehen. Dann heißt es, rational zu analysieren: was kann ich, wofür andere Menschen bezahlen würden? Was kann ich dort einbringen?

Wer auch immer nach Gusto geht, ohne den ‚Markt‘ zu bewerten, beispielsweise als Yoga Lehrer in einem leeren Studio nur auf Selbstverwirklichung zu hoffen, könnte scheitern.

Nicht nur darf die nächste Station als Erfüllung dessen angesehen werden, was man in der Vergangenheit als Lücke identifiziert. Es darf nicht nur Kompensation sein.

Eine Bilanz ist eine Bilanz ist eine Bilanz. Auch wenn man sie gerne so oder so lesen würde. Man muss alle Zahlen anschauen.