Bin ich mehr als die Summe meiner likes?

Kürzlich las ich auf einem großen Plakat diesen Satz, den vermutlich eine der christlichen Konfessionen als Thema erfunden hat. Die Frage ist jedoch klasse: denn sie thematisiert etwas, was wohl tatsächlich für heranwachsende Menschen zur Frage werden kann. Ist denn mein Profil im Netz die Abbildung meiner selbst? Ist es vielleicht nicht auch viel ausdrucksstärker als ich selbst erklären könnte? Was bin ich denn überhaupt, was nicht die Einträge im Netz schon dokumentieren? Kann überhaupt etwas real sein, das nicht im Internet hinterlegt ist?

Im Netz kreiiert man ein Profil, wie man gerne anderen Menschen erscheinen möchte. Genauso so will man gesehen werden. Erwachsene können sich darüber lustig machen, aber auch ihre Einträge in den sozialen Medien strotzen von künstlichen Selbsteinschätzungen. Auch bei Jugendlichen ist es zur allmächtigen Haltung geworfen, wenn man den Jugendstudien glauben schenken darf. Der wichtigste Wert an sich ist, wie man selbst aussieht.

Je mehr der Avatar / die Identität im Netz nun Aufmerksamkeit findet, desto mehr könnte man glauben, dass man ein sichtbares Resultat des eigenen Ansehens in der Welt hat. Dies ist viel deutlicher als im realen und analogen Leben, da man sich dort der Aufmerksamkeit und der Wertschätzung nicht sicher sein kann, sondern sie erst enträtseln und aufdecken muss. Wie viel einfacher ist es aber, die Daumen zu zählen.

Diese neue Währung der Aufmerksamkeit ist eine Irrung mit Blick auf die Ausbildung einer Persönlichkeit: der Mensch begibt sich so in Abhängigkeit vom Urteil anderer, als Einzelperson, aber auch als Figur im Netz mit all’ seiner Öffentlichkeit. Wie gelingt es dann, überhaupt mit sich in einen Dialog zu treten, wenn nur und ausschließlich der Daumen der anderen zählt? Der moderne Internet-Mensch liefert sich so vollends aus.

Das Netz wird zu dem, was die bürgerlichen Liberalen mit Entsetzen bei Gemeinschaften von Migranten vermuten: es wird eine Parallelgesellschaft. Und man muss zuweilen den Eindruck bekommen, dass das Netz wirkungsmächtiger ist als die reale Welt. Beispielsweise sind die vielen solitären Attentäter nur ihrer sog. Netzgemeinde verpflichtet. Nur die zählen, nicht die Eltern oder die fehlenden anderen Bezugsgruppen.

Und ist man denn nun nur die Summe seiner likes? Man kann es kurz und simpel beantworten: die Menschen sind eben nicht nur eine Collage von Bildern mit kurzen Kundenbewertungen darunter. Sie sind auch nicht nur Ansammlungen von physiologischem Material und chemischen Substanzen.

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