Das relative Prinzip der Gerechtigkeit

Gerechtigkeit ist ein Wort, das sich vielleicht so vieler Deutungen erfreut, wie es Menschen gibt. Denn jeder hat wohl eine sehr eigene Art von Vorstellung, was gerecht ist.

Ein durchgängiges Prinzip könnte die Formel sein, dass es „für mich gerecht“ ist. Das bedeutet wohl, dass man seinen richtigen Anteil reklamiert. Was einem zusteht, ist indes alles andere als klar. Denn man kann ja nicht sagen, dass man von allem ein Stück Kuchen haben will – das ist illusionär wie unsinnig. Wenn jemand anders aber einen Vorteil hat, dann ist man auf diesen neidisch. Das mag auch das Grundgefühl derjenigen sein, die dem Sieger bei einer Tombola nicht seinen Preis gönnen.

Oder die Nachricht von Menschen, denen in Not noch ein Unglück passiert. Der Mensch beurteilt das Leben wie den Alltag unter seiner ureigenen Vorgabe nach einem Gleichgewicht. Es kann so nicht sein, dass manche Menschen viel Leid erfahren, andere aber nicht. Pechvögel und Glückspilze sollten nur Ausnahmen bleiben.

Gerechtigkeit wird auch als Muster gegen die Ungleichheit an Macht und Anerkennung vorgebracht. Die da oben verschieben doch nur unser Geld; der kleine Mann muss aber hart für sein Einkommen arbeiten. Also will man diese vertikale Stratifizierung unterbinden. Seltsamerweise ist der protestantische Deutsche dann aber voller Akzeptanz, wenn es um die Vermögensungleichheit geht. „Das geschieht denen recht“ ist die Formel der ausgleichenden Gerechtigkeit: nur zu häufig wird dann das Unglück von Reichen kommentiert; es kann aber auch sein, dass man den Lottogewinn von armen Menschen beglückt kommentiert. Der Deutsche denkt tatsächlich in Kategorien einer fairen Verteilung von Lebenschancen. „Das hat er sich verdient“ wäre so eine Floskel, die das stützt.

Eine Selbstverantwortung steckt hinter vielen Konzepten der Gerechtigkeit: nur wer für sich selbst sorgen kann, ist auch für sein Schicksal verantwortlich. Die anderen aber sollen die Hilfe der Gemeinschaft beanspruchen dürfen.

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