Philosophische Anwandlungen

Mitten in einer mehr oder minder hitzigen Diskussion warf mir der rhetorische Gegner den Satz vor die Füße, meine Argumente seien ja nur philosophische Abhandlungen.

Der Ton war gewollt despektierlich und abwertend. Mein Gegenüber wollte das disqualifizieren, was ich gesagt hatte. Es sollte für alle hörbar gemacht werden, dass die ausgeführte These nichts ist, worüber man auch nur sprechen wollte. Es sollte als Unsinn abgekanzelt werden.

Meine Stimmung schwankte zwischen Entsetzen, Unglaubwürdigkeit und Wut. Denn wie nur kann sich einer erhöhen und auf einen Katheder schwingen, den er selbst nur reklamiert – ohne dafür den Nachweis erbringen zu können, dass er dorthin darf?

Ich wage den Blick aus der Luft: da kommt einer her und macht sich über sein Gegenüber lustig, aber diffamiert dabei das Denken an sich. Das Denken des Gegenübers wird bezweifelt, weil es Denken ist.

Was bleibt? Der Eindruck, dass Denken nicht hilft, wenn Entscheidungen getroffen sind.

Aus einzelnen Ereignissen gesellschaftliche Schlussfolgerungen zu ziehen, ist sträflich – und entspricht schon gar nicht dem Grundverständnis von Logik, einer basalen Disziplin der Philosophie. Dennoch reiht sich das in meine Beobachtungen ein, dass das neue Jahrhundert noch weiter entfernt vom Denken über Grundsätzlichkeiten ist als es das letzte war.

Schon alleine phänotypisch: worüber reden Menschen, wenn man sie heimlich im Alltag belauscht? Über jenes und dieses. Scheint das Gespräch sich einer Klippe zu nähern, die Differenzierung und Vertiefung verlangt, so schliessen Allgemeinplätze den Blick in die Tiefe aus: “na ja, es ist halt kompliziert“ o.ä.

Ich gebe zu, dass auch ich an solchen Stellen aufgebe – aber meist, weil mir notwendiges Wissen über einem Sachverhalt fehlt; nicht weil ich das Nachdenken und seine inneren Wirkungen fürchte.

Und auch ich selbst belächele diese Studenten, die denselben Bart wie marx, die Brille von Trotzki und den Janker von Heidegger tragen. Denn die Schauspielern ihr inneres Rollenverständnis. Und dennoch: ich bin ihnen dankbar, dass sie das alles aufrecht erhalten.

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