Ich irre mich

Der Mensch von heute irrt nicht selbst: er wird verwirrt; er wird verführt; er wird abgelenkt; er wird Opfer des Kontextes, seiner Umstände.

Kürzlich widerfuhr es mir auch: bei einer Kleinigkeit hatte ich schlicht nicht richtig nachgedacht: ich hatte mich geirrt. Mir war klar, dass ich einen Fehler gemacht hatte – Ja gemacht! Er war mir nicht ‚unterlaufen’.

Bei meiner internen Fehlersuche kam ich schnell auf die Quelle meines Fehlers: es war Trägheit und der Mangel an Sorgfalt. Ich hätte das mit Konzentration lösen können. Insoweit war dies einer dieser berühmtem Flüchtigkeitsfehler.

Es gibt aber auch Fehler bei eigenen Operationen, bei denen weder Wissen noch Kompetenz ausreichen. Klassisch dafür sind kleinere mathematische Aufgaben oder Quizze in den öffentlichen Medien. Es reicht dann schlicht nicht, eine Aufgabe zu lösen.

Immer wieder bin ich selbst erstaunt, wie schwach mein aktives Wissen sein kann. Dann kann ich Dinge nicht abrufen, die mir immer bekannt waren. Ich könnte dann sagen: „eigentlich weiß ich das. Doch irgendwie komme ich gerade nicht darauf. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich müde bin.“

Eine beliebte Erklärung für nicht Wissen ist auch das Abtun: „heutzutage ist doch überall alles abrufbar. Da muss man nicht selbst noch Wissen anhäufen und sich anstrengen.“ „Wichtig ist doch nur zu wissen, wo etwas steht.“ Und wenn dann jemand mit Detailkenntnissen über irgendeinen Sachverhalt glänzt, dann wird dies durch andere Äußerungen abgewertet: „Das gehört wahrscheinlich auch zum Lexikon unnützen Wissens.“

Gleichzeitig gibt es eine Tradition, Denkfehler aufzudecken, die immer wieder und von allen Menschen begangen werden. Sie irren sich; werden aber auch zu Fehlern verleitet.

Es ist interessant, wie sehr der Mensch von der Fehlerfreiheit seines Denkens ausgeht und überzeugt ist. Gar wird es zum Entscheidungskriterium für so vieles statuiert. Beispiel ist der Augenzeugen-Nachweis. Er wird oft zur Grundlage dafür gemacht, dass ein Freiheitsentzug verhängt wird.

Der heutige Mensch traut seinem Denken alles zu. Es ist seltsam: denn während der Schulzeit wird ihm durch die Notengebung geradezu ständig vor Augen geführt, dass es ein Delta zur Perfektion, also zur Fehlerfreiheit gibt.

Das ist auch Aufklärung!

Wunderliche Verhalten

Kennen Sie Menschen, die in spezifischen Situation wunderlich reagieren? Die gegen alle Erwartung seltsame Dinge tun? Die man gemeinhin als irrational bezeichnen würde?

Beispiel: zwei sehr alte Bekannte würden mich niemals auf ein Treffen ansprechen. Sie warten, bis ich die Initiative ergreife. Tue ich das nicht, gibt es kein Treffen. Die offene Frage ist, ob wir uns jemals wieder sehen oder sprechen würden, wenn ich inaktiv bliebe.

Beispiel 2: ein alter Bekannter lässt sich nicht helfen. Wenn ich aus eigener Initiative etwas für ihn organisiere, taucht er ab. Es handelt sich um durchaus sinnvolle Unterstützungen, wie Tipps für einen neuen Arbeitgeber. Der sonst erlesen höfliche Mensch reagiert überhaupt nicht, er ignoriert die Hilfeleistung.

Beispiel 3: eine Nachbarin hat das Grüßen und die kleinen Schwätzchen eingestellt. Ihre totale Verweigerung ist mutmaßlich auf den Plan zum Bau eines Aufzugs zurückzuführen, den wir unterstützen. Sie lehnt ihn ab, da es ihr Badezimmer dann verschattet, wenn eine Kapsel auf- oder absteigt. Dass ältere Menschen, die in oberen Etagen wohnen, ausziehen müssen, vernachlässigt sie.

Beipiel 4: mein verstorbener Onkel hatte Zeit seines Lebens Angst vor Ärzten bzw. irgendeiner Begleiterscheinung. Er konsultierte sie einfach nicht. Er kaute für zwei Jahrzehnte auf einem Provisorium herum.

Wunderliche Eigenschaften können den Menschen wunderlich machen. Der Betrogene selbst jedoch ist in keiner Weise derselben Meinung, sein Verhalten und seine Haltungen sind konsequent und gehören zu ihm.

Wir Verwunderten über die Wunderlichen haben meist die Hoffnung, dieser Mensch möge doch endlich wieder ‚normal‘ sein. Schließlich fiele er dann nicht auf und man könnte ihn wieder als Mitmenschen gewinnen.

Ich weiß nicht: wunderliche Menschen sind gemeinsprachlich Originale. Sie sind einzigartig und unverwechselbar. Das ist doch eine echte Errungenschaft: sagen nicht alle, Persönlichkeitsentwicklung sei der Gipfel des reflektierten Daseins? Mit dem ständigen Wunder im eigenen Verhaltensrepertoire wäre das jedenfalls erreicht.

Aufruf an alle

Wie häufig hört man den Kommentar, ‚wacht auf‘, ‚hört hin‘, ‚nehmt es wahr‘, ‚seht auf diesen Skandal‘? Die Message ist stets dieselbe: Öffentlichkeit, nimm den Missstand wahr und löse ihn auf!

Dieses Motiv ist in der Politik und in den Medien verbreitet: wer nicht auf dem institutionellen Weg seine Interessen durchsetzen kann, der versucht es mit der diffusen Öffentlichkeit, die sich der eigenen Anliegen annehmen soll.

Das geschieht auch im kleinen sozialen und alltäglichen Bereich. Denn alle Wege müssen genutzt werden, um die eigenen Interessen zu wahren.

In Polit-Filmen taucht diese Methode immer wieder auf. Meist geht es am Ende darum, dass man den Medien oder Gerichten oder sonstigen die Informationen über die geheimen Machenschaften zuschickt. Es ist der berühmte Umschlag oder die Kopie, deren Eintreffen im Abspann zu sehen ist.

Das Interessante ist, was nach dem Abspann passiert. Denn es ist ganz und gar nicht ausgemacht, dass sich irgendetwas im Sinne des Absenders tut. Das öffentliche Interesse möge es richten, denkt sich der Absender. Doch eigentlich ist es der Medienvertreter oder Jurist, der dann über das weitere Handeln entscheidet.

Der bloße Hinweis auf eine unmoralische Machenschaft muss noch lange nicht bedeuten, dass das öffentliche Interesse es gleichsam so beurteilt. Man schaue in die USA, wo das gewählte Staatsoberhaupt lügt, betrügt, amoralisch ist und schlicht ich-bezogen. Man schaue aber auch nach Deutschland, wo zwischenzeitlich die kriminelle Tat eines Flüchtlings in den Medien höher rangiert als eine grassierende Wohnungsnot.

Oder man schaue den whistleblower, der verurteilt wird, der seine Karriere aufgibt, der seine Existenz aufgibt – alles andere als gelobt zu werden. Denn andere Logiken als nur der Glaube an das gute öffentliche Interesse greifen.

Daher ist die Gleichsetzung von öffentlichem Interesse und moralischem Gewissen nicht mehr gleichzusetzen. In ärmeren Ländern gilt dies ohnehin nicht. Dort müssen Menschen ihre physische Existenz sicher. Moral hat es dort schwer.

Das heißt aber sich, dass sich der Mensch nicht mehr auf absoluten Wertemaßstäbe verlassen kann. Er muss das schon selbst konstruieren.

Du könntest gut Adeliger werden

Das wurde mir kürzlich gesagt. Und es stimmt: ich könnte ein Leben ohne materiellen Broterwerb und mit viel Hobbies ausfüllen. Ich könnte Luxus leben, wenn auch beschränkt auf meinem persönlichen Luxus. Der besteht nicht aus den typischen Luxusgütern. Es ist eben ‚mein‘ Luxus, der aus seltsamen Dingen besteht.

Eigentlich empfand ich das nicht als Beleidigung. Vielleicht war es aber so gemeint. Denn dahinter steht ja Verweigerung von Arbeit, die im deutschen Kulturraum als unbedingt ehrlich gilt.

Adelige hatten immer schon ein Problem. Denn sie wurden beneidet, waren aber gestresst, ihren sozialen Status zu verteidigen. Sie leisteten schließlich nicht, sondern konsumierten nur. Einerseits durften sie nicht arbeiten, andererseits mussten sie ein Vermögen haben.

In ihrer kleinen Nische müssten sie dann irgendwas mit sich anfangen. Es ging um nichts anderes, als die ‚Klasse‘ zu schützen, indem man sie stabilisiert. Als Adeliger hatte man bereits eine gesellschaftliche Rolle, konnte sie also nicht erst frei suchen und dann auch bestimmen.

Der Adel hatte scharfe Außengrenzen. Er konnte sich zahlenmäßig nicht erweitern, ohne sich selbst zu gefährden. Er musste Inzest und Wettbewerb miteinander versöhnen.

Immerhin konnte er seinem kulturellen Faible freien Lauf lassen. Das wäre doch etwas: nur Schwelgen in kulturellen Vorlieben, wenn auch mit angezogener Handbremse.

Kindersprache – eine Polemik – jenseits der Logik der political correctness

Die Ostdeutschen sind wie Kinder – voller Scham und Angst. So haben sie viele Unschuldsgesten in ihr normales Verhaltensrepertoire integriert. Ihre Ausdrucksweise verniedlicht; ihr Humor eckt nicht an; ihr Blick ist der des vorsichtigen Abwartens.

Bloß nicht auffällig werden, scheint gerade zu ein Volkssport gewesen zu sein. In der Masse untergehen, bloß keinen individuellen Kurs einzuschlagen, wohl reiner Selbstschutz. Alle Regeln zu befolgen, dürfte zu tiefer innerer Überzeugung gelangt sein.

An der deutschen Wiedervereinigung zeigt sich, wie schwer mergers and acquisitions sind. Denn die einstmals in inniger Feindschaft verbundenen Bestandteile der deutschen Nation wussten einfach zu wenig übereinander. Anderseits hatten sie auch keine Chance auf ein Zusammenleben vor der Hochzeit.

Die Ostdeutschen haben entweder direkte Erfahrung gemacht oder von ihren Eltern und peer groups gelernt zu überleben. Daher haben sie natürlich die Schutzmechanismen aus der Diktatur konserviert. Und der vernehmliche Gedanke ist natürlich, sich nicht in Gefahr zu bringen: „Sprich bloß nicht zu laut; das könnte sonst noch einer hören.“ Zwar entspricht es der sozialen Diktatur auch im Westen: „was sollen denn die Nachbarn denken?“ Auch eine kleine soziale Ächtung ist eben weniger schlimm als ein echter Freiheitsentzug.

Die Empfindung, stets nur Objekt des Herrschens anderer gewesen zu sein, lässt so auch jegliche subjektive Mitverantwortung, also die Offenheit persönlicher Reflektion nicht zu. Daher rührt wohl auch die geringe Entwicklung des Selbstbewusstseins; man dachte letztlich auch mehr in Grenzen denn in Möglichkeiten.

Und Jahre später lässt sich aus dieser Opferhaltung auch Kapital schlagen. Der gesamte politische Diskurs ist ein einziger Aufschrei nach Aufmerksamkeit und Fürsorge:

- wie durften uns doch früher nicht entwickeln

- die Wende war eine traumatische Erfahrung

- unsere Lebensleistungen wurden dadurch geächtet, dass sie in einer Diktatur erbracht wurden

- das vergangene Unrecht ist niemals bereinigt worden

- die heutigen Lebensverhältnisse sind ungleich

- die Politik betrügt nur und verspricht falsche Sachen

- und nun werden auch noch die Flüchtlinge anderer Länder bevorzugt

Es gipfelt geradezu schlüssig darin, sich als bessere Deutsche zu demonstrieren. Denn wir sind das Volk.

Da die Ostdeutschen nun merken, dass sie ernst genommen werden, fangen sie an, ihre strukturellen Beschwerden in die Wahlen einzubringen. Die Opfer einer Diktatur werden flügge; sie haben bemerkt, dass sie als aggressive Opfer zu ihrem Vorteil agieren können.

Beugen von Wahrheiten

Geschichten-Erzähler sind verdächtig. Denn sie bürden uns die Entscheidung auf, ob wir uns gerne in den Geschichten wohlfühlen oder sie hinterfragen.

Geschichten haben im Kindesalter eine bedeutende Rolle. Sie bereiten uns auf die Welt vor. Sie erzählen mit einem emotionalen Spannungsbogen, welche Regeln herrschen. Sie schärfen die Sinne für gut und böse.

In der Vergangenheit gab es ein großes Heer von unterschiedlichen Geschichtenerzählern, die wichtig für die Verbreitung von Informationen waren, wie beispielsweise die Bänkelsänger. Nachrichten verbreiteten sich mit den Handeltreibenden oder dem fahrenden Volk – eben allen, die mobil waren.

Es gibt viele Geschichtenerzähler,

wie Reiseleiter

wie Geistliche

wie Künstler

wie Journalisten.

Zwischenzeitlich gibt es angepasst Formate, selbst für die trockenen Themen, wie Wissenschafts-Comics oder Science Labs.

Einige Beispiele, wie ich sie kürzlich erlebte:

- Homosexualität bei Herrschern ist absichtlich, um die Bevölkerung vor vermehrtem Wachstum zu bewahren.

- ‚ein Geschäft machen’ kommt aus dem Gespräch von römischen Besuchern einer Latrine. Die trafen dort wirtschaftliche Vereinbarungen.

- Geld stinkt nicht = non olet: Sklaven holten die Münzen aus den Abwasserkanälen, die als Gebühr dienten. Kaiser Vespasian wollte seinem Sohn beweisen, dass Geld nicht stinkt.

- ‚halt die Klappe’ kommt von Klappstühlen, die die orthodoxen Geistlichen während der langen Gottesdienste am Stehen hielten.

Geschichten sind per definitionem geschlossene Erzählungen mit Anfang und Ende. Sie beinhalten eine Wahrheit, die der Autor einem größeren Publikum bekannt machen will. Gleichzeitig setzt aber auch der einzelne Geschichtenerzähler darauf, die Aufmerksamkeit als der Erstverbreiter zu erlangen. Es ist wie der Marathon-Läufer, der die Geschichte vom Sieg über die Perser berichtet; aber auch wie der moderne Journalismus, der mit einer Geschichte zuerst aufmacht.

Zwischenzeitlich werden Psychologen und Kognitionsforscher jedoch auch der Gefahr gewahr, die mit einer Erinnerung verbunden ist: denn sie wird immer wieder neu konstruiert. Den Effekt sehen wir, wenn wir stille Post spielen: das Anfang der Kette korrespondiert fast nie mit ihrem Ende. Auch eine einzelne Person kann dieser Gefahr unterliegen, weil sie immer wieder die Lücken schließen muss, die die Vergesslichkeit reißt. Und so verfälschen sich die Geschichten über die Zeit wie von selbst.

Die Geschichte an sich korrespondiert mit der Erwartung des aktuell zuhörenden Publikums mehr als mit den faktischen Ereignissen von damals. Es ist ja auch die Interpretation, die an sich den Wert für die Zuhörer ausmacht. So ist es auch mit der Geschichtswissenschaft, die eher eine Geschichtsschreibung ist.

Aber: in jeder Geschichte steckt ein Körnchen Wahrheit, wie der Volksmund sagen würde. Also lassen sich auch nicht vollständige Unwahrheiten seriös verkaufen – oder eben erfinden.

Und so gibt es einen riesigen Graubereich zwischen der Übertragung von Informationen und der Unterhaltung mit Geschichten. Man benötigt als Zuhörer eine gewisse Mündigkeit, um damit umgehen zu können. Geschichten sind nicht nur Lüge, und Wahrheit ist immer auch bisschen Interpretation.

Der Begabte und der Zufall

Das Raubtier hat stets dieselben Anlagen. Doch der eine fängt das Fleisch, der andere muss lange Wege gehen.

Das ist schwer erträglich. Denn der Planer will das Gelingen, akzeptiert nicht das Misslingen. Und das ist für die Schnellen und Schlauen ein besonderes Problem. Denn sie sind an Erfolg bzw. der normalen Verwirklichung ihrer Talente gewöhnt.

Gelingt es ihnen nicht, dann wachsen ihre Selbstzweifel. Sie können sich dann wie Versager fühlen. Sie sind wie niedergeschlagen, können darüber depressiv werden.

Deutlich wird diese ‚gelernte‘ mittlere Erwartungshaltung durch eine spezifische Normalität: was man schafft oder eben nicht. Dieses Maß an Alltagserfolg hat jeder Mensch. Es ist sein Gepäck, gehört natürlich zur Selbsteinschätzung.

Durch den Umkehrschluss wird dies klarer: Menschen in der unteren Hälfte der Normalverteilung sind alles andere als Alltagserfolge gewöhnt. Sie richten sich in ihrem Leistungsportfolio ein. Und wenn Sie dann mit irgendeinem Vorhaben Erfolg erzielen, ist dies eine Überraschung – und Freude. Genau umgekehrt verhält es sich mit den Schlauen und Schnellen. Sie orientieren sich an einem anderen Maßstab von Erfolg.

So ziemlich alle Schriftsteller schreiben über ihre Selbstzweifel. Sie sind unter den Schlauen und Schnellen die einzigen, die ihr Dasein in Wort und Schrift veröffentlichen – weil es ihr Job ist. Alle anderen beschreiben es nicht, durchleben es aber vermutlich genauso.

Zweifelt man nicht über sich selbst, dann die Mitkonkurrenten. Wenn immer man überdurchschnittliche oder Höchstleistungen zu leisten imstande ist, dann trifft man auf seinesgleichen. Das verringert die Chancen, in einem Wettbewerb zu obsiegen, immens.

Und dann soll einer sagen, dass er neidisch auf die Schlauen sei! Sie sind eher zu bedauern.

Der Held

Der Held ist ein Topos: was für den kleinen Jungen der starke Krieger, ist für das junge Mädchen die Prinzessin. Bei Umfragen unter Jugendlichen stellt sich heraus, dass der wichtigste Wert ist, gut auszusehen.

Bei späteren Klassentreffen regiert der Topos ‚mein Boot, mein Haus, meine Kinder‘. Man berichtet von sich in den schönsten und knalligsten Farben, die man sich ausmalen kann.

Doch auch im sozialen Umgang unter Erwachsenen bricht sich das Prinzip Held Bahn: ich habe damals x aufgebaut. Das Konzept stammt von mir. Ohne mich hätte das Projekt keinen Erfolg erzielt.

Und wenn man dann älter ist, dann blickt man zurück und äußert: „und ich war immer vorne weg.“ Und außerdem waren die alten Zeiten doch besser.

Sind wir denn alle Helden? Und wieso eigentlich will jeder ein Held sein? Übrigens kann ich mir selbst das Bewusstsein des demütigen stillen Außenseiters vorstellen, der sagt: ich bin hier der einzige, der hier nicht aufschneidet – und ist auch ein Held. Diese Sicht herauszuragen ist wohl wichtig, selbst wenn sie nur in der Einbildung befriedigt werden kann.

Und sie ist bei alledem nur die Ergänzung zur Sucht nach Normalität, dem Verstecken in der Masse. Beide Pole wollen ausgelebt sein. Sie gehören wohl zu einem jeden Leben.

Philosophische Anwandlungen

Mitten in einer mehr oder minder hitzigen Diskussion warf mir der rhetorische Gegner den Satz vor die Füße, meine Argumente seien ja nur philosophische Abhandlungen.

Der Ton war gewollt despektierlich und abwertend. Mein Gegenüber wollte das disqualifizieren, was ich gesagt hatte. Es sollte für alle hörbar gemacht werden, dass die ausgeführte These nichts ist, worüber man auch nur sprechen wollte. Es sollte als Unsinn abgekanzelt werden.

Meine Stimmung schwankte zwischen Entsetzen, Unglaubwürdigkeit und Wut. Denn wie nur kann sich einer erhöhen und auf einen Katheder schwingen, den er selbst nur reklamiert – ohne dafür den Nachweis erbringen zu können, dass er dorthin darf?

Ich wage den Blick aus der Luft: da kommt einer her und macht sich über sein Gegenüber lustig, aber diffamiert dabei das Denken an sich. Das Denken des Gegenübers wird bezweifelt, weil es Denken ist.

Was bleibt? Der Eindruck, dass Denken nicht hilft, wenn Entscheidungen getroffen sind.

Aus einzelnen Ereignissen gesellschaftliche Schlussfolgerungen zu ziehen, ist sträflich – und entspricht schon gar nicht dem Grundverständnis von Logik, einer basalen Disziplin der Philosophie. Dennoch reiht sich das in meine Beobachtungen ein, dass das neue Jahrhundert noch weiter entfernt vom Denken über Grundsätzlichkeiten ist als es das letzte war.

Schon alleine phänotypisch: worüber reden Menschen, wenn man sie heimlich im Alltag belauscht? Über jenes und dieses. Scheint das Gespräch sich einer Klippe zu nähern, die Differenzierung und Vertiefung verlangt, so schliessen Allgemeinplätze den Blick in die Tiefe aus: “na ja, es ist halt kompliziert“ o.ä.

Ich gebe zu, dass auch ich an solchen Stellen aufgebe – aber meist, weil mir notwendiges Wissen über einem Sachverhalt fehlt; nicht weil ich das Nachdenken und seine inneren Wirkungen fürchte.

Und auch ich selbst belächele diese Studenten, die denselben Bart wie marx, die Brille von Trotzki und den Janker von Heidegger tragen. Denn die Schauspielern ihr inneres Rollenverständnis. Und dennoch: ich bin ihnen dankbar, dass sie das alles aufrecht erhalten.

Anderen Menschen glauben

Wenn der das gesagt hat, glaube ich das. Man könnte unbesehen und ungeprüft übernehmen, was der Heilige geäußert hat.

Das hat immer funktioniert: es ist ein attribuiertes Mentoring. Das können real bekannte Menschen sein, aber auch ferne Persönlichkeiten, die in der Öffentlichkeit stehen.

Menschen zu Göttern seiner Meinung machen ist so einfach und bequem. Denn man muss nicht nachdenken und kann einfach nur ‚Glauben schenken‘. Das geht mit Verehrung und Hingebung einher.

Aber es ist auch wichtig für eine Demokratie und eine Arbeitsteilung. Denn wer einfach nur der Einschätzung anderer glaubt, ohne sie zu prüfen, der wird nicht beurteilen können, an seinen eigenen Werten und Interessen überprüfen können, ob eine Meinung konsistent ist.

‚Glauben schenken‘ trifft es gut. Denn der Glaube ist selbst gewählt. Man kann, muss es aber nicht. Bei Religionen wird verboten, am Glauben zu zweifeln. Denn dann befürchtet man, den versprochenen Schutz und die Fürsorge auf das Spiel zu setzen. Also muss man glauben. Dazu kommen natürlich die Sanktionen der realen Umwelt in der eigenen Gemeinschaft.

Dem Spezialistentum muss man sich fraglos unterwerfen. Denn dem Arzt kann man nicht absprechen, dass er eine Ahnung hat. Man muss ihm jedoch vertrauen, dass er weiß, was er tut.

Aber nicht alle Fragen im alltäglichen Leben erfordern wissenschaftliche Kenntnisse, vor allem nicht, soweit es um Einschätzungen der sozialen Interaktionen im weitesten Sinne geht.

Ein Beispiel: man trifft neu auf eine Person, die ein Bekannter bereits kennt. Äußert er auch nur Zweifel an diesem Menschen, muss man sich entscheiden: will man sich darauf verlassen? Oder will man testen, ob die Meinung auch seine eigene sein kann?

Und während ich das so schreibe, erlebe ich just eine Bestätigung der obigen abstrakten Formulierung: eine junge Kollegin erzählt mir – mit dem Hinweis eines Wissenden – dass eine Person x von einer ihr bekannten Person y gecoacht würde. Auf meine Frage, woher sie das wisse, bezog sie sich auf jemanden, der alles weiß. Mein Zweifel würde mit einem dieser Lidbewegung quittiert, dass dies hohle Besserwisserei sei.

Es ist wie die ungeprüfte Aussage in der Schule, dass der eigene größere Bruder stärker als alle anderen sei – basta! Alternativ und in einem besseren Lichte wäre die Formulierung, dass man für jemanden anderen die Hand ins Feuer lege.

Dieser unbedingte Glaube an die Tadellosigkeit und Fehlerfreiheit ist weltfremd. Irgendwie scheint mir der Bullerbü-Effekt dafür ursächlich. Doch Bullerbü ist Fiktion.