Mitte 50

Über Weihnachten traf ich eine Reihe von Menschen, die in den 1960er Jahren geboren wurden. Die Lebenssituation ist ähnlich, die Landkarte mentaler Einstellungen jedoch äußerst divers. Was habe ich nichts alles an Stimmungen und Haltungen wahrgenommen. Es spannte sich von hoffnungsfroh und zukunftsgewiss zu verbittert und eingefroren.

Die Themen waren ähnlich, und doch unterschiedlich. Es ist beispielsweise das Kopfschütteln über Rituale. Oder die Bewunderung für den körperlichen Einsatz von Hochleistern. Das Kopfschütteln über den unbegründeten Ehrgeiz der jüngeren. Das Amüsement über die intimen Feindschaften von Kollegen.

Es gab auch diese Reflektion über die beruflich ‚Erfolgreichen‘ – aus der Perspektive der Beobachter. Es ist ein wenig der Neid, gepaart jedoch mit der Erleichterung, nicht den Druck der Verantwortung als Belastung empfunden zu müssen. Doch ist schon alleine die persönliche Kenntnis eine Versicherung, es selbst auch hätte meistern zu können.

Es ist die These des Zwischenfazits oder gar des Resümees, das widerhallt. Denn 50+ steckt mittendrin und kann sich somit auch nicht konsequent distanzieren. Also heißt es, unter Aussparung der eigenen Rolle Analysen seiner direkten (beruflichen) Umwelt vorzunehmen.

Daraus erwächst eine Stimmung, i.e. der Frustration und den Hang, sich selbst in seiner Umgebung zu analysieren. Es ist wie ein log in-Effekt oder ein Freezing. Man kann sich nicht bewegen, da die äußeren Umstände ein negatives Kosten-Nutzen-Kalkül erwarten lassen: neue Stellen sind rar; sie erforderten gar eine räumliche Veränderung; sie könnten ähnliche Strukturen aufweisen wie der Status Quo. Und so schleppt man sich durch, bis man angekommen ist, i.e. im Ruhestand.

Wichtig ist festzuhalten: selbst wenn man Neues ausprobieren wollte: wo sind dafür das Talent und die entsprechenden Kompetenzen? 50+ würde dann genauso dastehen wie 25-.

Laufen

Da warf mir doch jemand vor, ich würde nur laufen, um einen Ausgleich für psychischen Stress zu haben: „Sie laufen sich ja doch nur die Seele aus dem Hals!“

Das provoziert den Läufer doch immer wieder, darüber nachzudenken, warum man das eigentlich tut. Wieso läuft er denn durch die Straßen, zieht Blicke auf sich, trägt komische Kleidung und steht auf statt sich einen bequemen Feierabend zu machen?

Der zwischenzeitlich verrentete Skifahrer Neureuther wurde nach Abschluss seiner Karriere gefragt, was er denn nun zu tun gedenke. Seine Antwort: Spaß an der Bewegung vermitteln! Hm, sollte man Spaß dabei empfinden, nach einem längeren Lauf mit schweren Beinen ins Ziel zu laufen?

Wann sonst spürt man denn seinen Körper sonst? Nur bei Erkrankungen und Dysfunktionen bemerkt man, dass da noch etwas ist, i.e. dieser Körper. Er ist eine Hülle, von der man glaubt, dass sie so funktioniert wie ein Motor. Ist etwas kaputt, geht man eben zum Arzt. Und der repariert ihn dann wieder.

Manche Leute mögen schon das Schwitzen nicht. Sie treiben keinen Sport, da man dabei ja außer Form gerät: die Haare werden nass; das Hemd hüpft heraus; man wird schmutzig; die Wangen röten; die Füße werden dick; vielleicht bekommt man einen Muskelkater – alles komische Dinge, die sich vermeiden lassen.

Laufen ist jedoch etwas, dass man am besten vermittelt bekommt, wenn man es denn einmal tut. Erklären ist schwierig. Denn dann stellt sich ein neues Ganz-Körpergefühl ein, das mit einigen Verzückungen gesegnet ist: man fühlt sich frisch; es stellt sich Entspannung ein; ein Gefühl von Leistung entsteht; die kleinen Malaisen und Spannungen verschwinden. Es ist rundum ein kleines Rauschgefühl – und dazu noch gesund.

Wenn es im Kognitiven, Seelischen und Psychologischen so etwas wie eine Erfüllung geben könnte, auf die man sich über seine Persönlichkeitsentwicklung zubewegt, dann ist Laufen wohl die körperliche Erfüllung: denn unser staksiger Körper ist genau daraufhin angelegt!

Ostern

Da verabschiede ich mich noch in die Osterfeiertage und werde gefragt, wohin ich denn führe. Es ist wohl normal, Ostern für eine Reise zu nutzen. Ich antwortete, dass ich lieber in mich gehen würde. Darauf hin schmetterte mein Gegenüber zurück: dass Sie sich dann nicht einmal verlaufen!

Es ist schon komisch, Ostern nicht mehr als Anlass zum Nachdenken nehmen zu dürfen, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben. In meiner Jugend war Ostern entweder belegt mit Fußballturnieren oder der Überlegung, in einen Skiurlaub zu fahren.

Heute gibt es eine Minderheit, die sich wieder spirituellen Aktivitäten widmet. Gerade erhielt ich Bilder von einem Bekannten, der auf dem Jakobsweg unterwegs ist. Ich weiß nicht, was er sucht noch was er findet. Aber er kommt immer wieder beseelt zurück. Andere machen eine Woche Yoga oder Schweigekloster. Immer wieder gibt es Weggefährten, die Entspannung suchen und das mit ‚höherer‘ Wertigkeit verbrämen.

Ich möchte mich keinesfalls darüber lustig machen. Denn immerhin gibt es das Ausleben von Spiritualität noch, i.e. sich einfach hinzugeben und sich fürsorglich mit irgendeiner Macht vereint zu fühlen. Das entspricht dem wohligen Gefühl in den Armen der Mutter, geborgen zu sein, nicht alleine und in der Familie Sinn zu empfinden.

Die frohe Botschaft von Ostern ist heute nicht verstanden. Was soll das auch heißen? Der Hingerichtete war doch schon tot – und kann weiter Gutes tun? Oder man lebt eben doch weiter, auch wenn man tot geglaubt ist? Das Bildnis ist schwer zu entziffern. Nur dem im Sterben liegenden kann es eine direkte Beruhigung sein, da er sich an die Hoffnung klammern kann, dass er auferstehen wird.

Der Anlass ist gleichgültig: denn zum Menschen an sich gehört doch auch, über sein Leben nachzudenken. Und Jesus kommt da genau richtig: war er nicht ein Vorbild dafür, sich für andere einzusetzen? Auch Autoritäten zu widerstehen und Konsequenzen für seine Positionierung auf sich zu nehmen? Ist das nicht ein Typ voller Reife, der weiß, was er tut? Ist er nicht auch menschlich, wenn er dann doch an seinem Weg zweifelt? Und ist nicht klasse, sich für die Ärmeren einzusetzen?

Taugt Jesus nicht einfach als guter Mensch? Und gibt er uns Menschen, die wir ständig unzufrieden zu scheinen, ein Bild, auch Verzicht zu leisten und mit dem zu leben, das man hat?

Das Modell ist es; nicht die Auferstehung nach der Hinrichtung: das Bild muss weg; oder eben gedeutet werden. Gerade weil er getötet wird und stirbt, ist umso tröstlicher, dass sein Wirken einen Sinn ergeben hat. So erinnert man sich auch heute noch seiner.

Too Long – didn‘t Read

Das jährliche Festival der progressiven IT-Beweger in Berlin – die re publica –  hatte 2019 ein Motto, das als Kampfansage an die Zeiten der analogen bildungsbürgerlichen Gesellschaft verstanden werden kann. Denn es formulierte programmatisch, dass längere Texte und Leserei aus der Zeit geraten seien.

Ich beobachte – wie wir alle – die Rückentwicklung der Konzentrationsbereitschaft und der Fähigkeit auszuhalten. Steht man in einer Schlange, ist das kaum mehr zum auszuhalten. Zwischenzeitlich werden selbst in Supermärkten kleine Fernseher aufgehängt, um dem Menschen zu ersparen, es mit sich auszuhalten. Man könnte davon reden, dass sich unsere Aufmerksamkeitsspanne als Erwachsener dem im Kindesalter nähert.

Auch andere Phänomene deuten auf eine gleichförmige Entwicklung hin:

- ein Video darf nicht länger als 1,5 Minuten sein. Sonst wenden sich die Zuschauer ab.

- auch die Länge der Lieder nimmt ab, wie der Spiegel kürzlich berichtete.

- liest man einen geschriebenen Beitrag im Netz, gibt das Magazin die mittlere Lesedauer an.

Man könnte nun den Untergang des Abendlandes ausrufen: die Menschen sind nicht mehr in der Lage, es mit sich selbst auszuhalten. Sie brauchen die stetige Abwechslung. Sonst werden sie – wie ein Süchtiger – nervös.

Wahrscheinlich gibt es so etwas wie einen Break Even Point, ab dem der Informationsgehalt nicht mehr in der Kürze des Textes wiedergegeben werden kann. Irgendwann wird der erreicht sein. Dann wird man sich zwischen Information und Abneigung des Lesens entscheiden müssen.

Ob das Lesen an sich etwas mir der Leistungsbereitschaft zu tun hat, ist damit nicht gesagt. Vielleicht geht es ja gar nicht um die Anstrengung des Lesens, sondern das Lesen an sich. Dann müsste allerdings eine Alternative zur Informationsaufnahme gefunden werden. Das kann ja noch kommen.

Durchschnittlich

Man blickt zurück und urteilt, dass sein Leben wohl doch eher durchschnittlich war. Bei vielen dreht sich dann der eigene Magen um: das Leben war vergeudet; nichts ‚Ausser‘gewöhnliches lässt sich vorweisen.

Doch ist das schlimm? Was nur hätte man davon, außergewöhnlich gewesen zu sein? Wäre das im Vollzug des Lebens besser gewesen? Hätte man Dinge genießen können, die dem Durchschnitt verwehrt bleiben?

Der Ruhm der Nachwelt ist verflogen, wenn man nicht mehr ist. Also wozu die Anstrengung? Denn man wird rasch vergessen: der Hausrat landet auf dem Flohmarkt; die Anzüge werden weggeworfen; das Grab verödet; es dauert keine 10 Jahre und man ist zum Staub der Entwicklung verwandelt.

Bei Laufwettbewerben fragt man sich gegenseitig nach dem Erreichen der Ziellinie, wie schnell man war – ein Ritual, an das sich jeder gewöhnt, obgleich es langweilig ist. Ich persönlich bin immer in der Mitte, totaler Durchschnitt! Und ich frage mich dann, wie es für andere und mich zumutbar wäre, ständig von guten Läufen und Bestzeiten zu berichten.

Ich kenne gegensätzliche Verhaltensweisen: ich will nicht auffallen, mich exponieren. Und dennoch gesehen werden. Andere wollen immer die ersten, besten, schnellsten, schönsten, erfolgreichsten sein. Und es gibt die kleine verrückte Gruppe, die zu den Extremisten des Under-Statements zu gehören: die wollen die letzen sein.

Der Mensch zu sein, der weder nach unten noch oben auffällt und damit keinerlei Aufmerksamkeit erzielt, ist eine gefühlte Schmach: ja habe ich denn nicht irgendetwas Tolles, was mich einzigartig oder zumindest begabt macht?

Froh ist unsereins nur, wenn der Arzt bestätigt, alles sei normal. Auch bei Ermittlungen der Polizei oder der moralischen Investigation gilt es, bloß nicht aufzufallen. Alle sind plötzlich Durchschnitt.

Nach der Normalverteilungskurve dürften wir für unterschiedliche Kriterien Durchschnitt sein. Vielleicht bin ich resigniert, möglicherweise gleichgültig: doch Durchschnittlichkeit schreckt mich nicht. Ich fühle mich dort ganz gut aufgehoben.

Ein Sinn für Demokratie?

Die einen wollen Streit, die anderen Entscheidung! Die dritten Fürsorge. Und alle verstehen darunter ‚das‘ Wesen der modernen Demokratie.

Gleichzeitig schimpft die Mehrheit über diejenigen, die die Entscheidungen verantworten und die vielen Engagierten, die im Straßenwahlkampf ‚nerven‘.

Weiter nehmen viele die politische Berichterstattung als Belastung wahr: dass sind doch immer dieselben; die reden doch nur; und dazu verschroben; eigentlich wollen die nur Macht; die Themen haben nichts mit den Problemen der Menschen zu tun usw.

Die Themen sind kompliziert. Man verlangt nach einfachen Fragestellungen, bei denen man mitdenken kann. Der ‚talk‘ verlangt Basiswissen über verschiedene Themenfelder, die man nicht

Das Handeln der Politiker wird als zu langsam empfunden. Vorbereitung und Aushandeln von Mehrheiten werden als unnötig bewertet. Denn es gibt doch nur eine Wahrheit – und die muss nur jeder einsehen und bedienen.

Die einzelnen Politiker sind zudem typische 1er Schüler, die mehr Feinde haben als die heimische Giftspinne. An den Menschen an sich entzünden sich Debatten seltsamer Natur: die sieht unsympathisch aus, der ist sicherlich ein Macher, ich kann dessen Stimme nicht ab usw.

So weit so schlecht. Der demokratische Souverän ist für seine Aufgabe nicht geeignet. Doch das Prinzip gilt: nur die Menschen selbst können ihre Selbstorganisation übernehmen. Das ist gerechter, aber nicht unbedingt folgerichtiger als die Herrschaft von wenigen.

Und somit hat die Menschheit ein gravierendes Problem. Es geht nicht um Sachlichkeit, es geht um Sozialpsychologie der Massen. Niemand würde sich einer sozialen Gruppe unterwerfen wollen, die offenkundig nicht ausreichend vorbereitet ist. Wer würde schon eine Gruppe die medizinische Fürsorge seiner selbst übernehmen lassen, obwohl die ausgebildet ist?

Neben der fachlichen Eignung gibt es jedoch auch noch die Haltung des modernen Menschen. Er ist an seinen Interessen orientiert, nicht an denen der Mehrheit seiner Mitmenschen. Und er will seinen Lebensentwurf durchsetzen.

Ihm fehlt jedoch weitgehend die Einsicht in den Kompromiss an sich, das jeweilige Aushandeln, das Nachgeben, das Befolgen von Mehrheitsmeinungen, die Vogelperspektive und der Sinn für das Gemeinwesen. Es herrscht in den Köpfen zumeist das Bild des Straßenverkehrs: man setzt sich durch oder schimpft.

Für das Funktionieren einer Demokratie muss sich die heutige Gesellschaft be-sinnen. Sie muss tatsächlich lernen, welche Haltung und welche Spielregeln Demokratie bedingen. Dass dieses bißchen politische Bildung dies schafft, ist unwahrscheinlich.

Freiheitsentzug

Was eigentlich bedeutet der Entzug von physischer Freiheit? Es ist für das Tier im Menschen schrecklich. Denn er kann seine körperlichen Bedürfnisse nicht ausleben – es sei denn, man ist mit dem Kick im Gefängnishof ausgelastet. Daneben ist natürlich die Gefängniskost zu nennen, auf die man vermutlich wenig Einfluss hat. Doch könnte ich mir vorstellen, dass heutzutage gesundes Essen – nicht nur aus Kostengründen – auch im Knast Einzug gehalten hat. Auch in Jugendherbergen gibt es zwischenzeitlich veganes Essen.

Die Freiheit des sozialen Aktionsraums kommt zum Stillstand, da man nur noch die Gedanken und die Wörter hat. Zwar mögen da auch noch Familienmitglieder, Freunde oder Sozialarbeiter sein. Doch an sich hat man so gut wie keinen Bewegungsspielraum mehr.

Menschen sollen während eines Freiheitsentzugs nun durch den bloßen Entzug ihrer Freiheit ihre Haltung, ihre Kompetenz und ihre Persönlichkeit ändern. Das ist natürlich völliger Unfug. Nur die Abschreckung könnte etwas erbringen. Vor allem verlernt man Freiheit, sich darin zu bewegen, sie zu nutzen, von ihr zu profitieren usw. Das ist nicht gut, um dann später in ihr zurecht zu kommen.

Natürlich gibt es auch Menschen, die sich mit dem Entzug ihrer Freiheit arrangieren bzw. sie gar genießen. Denn so ein Gefängnis hat auch sein Vorzüge: das Essen bekommt man automatisch; man hat einen strukturierten Tagesablauf; man muss so gut wie keine schwierigen Entscheidungen treffen.

Die Situation in einer Diktatur zeigt denn auch, dass es sehr wohl viele Menschen gut aushalten, wenn man sich nicht gerade nach totaler Freiheit sehnt. Was ist, wenn die Insassen und Untertanen kriminelle Energie haben? Wie würde man sie denn bestrafen?

Und gibt es standardisierte Freiheitsbedürfnisse? So wie in einer Pyramide? Muss Freiheit sein, um Mensch zu sein?

Games of Thrones

Was halten Sie von Fantasy-Filmen? Überhaupt von Fantasy?

Eigentlich ist es eine nicht gerechtfertigte Okkupation. Denn Phantasie gibt es bestimmt nicht nur in Fantasy.

Diese Fantasy-Welt bezieht sich auf eine bestimmte historische Epoche. Es sind die mittelalterlichen Motive mit den bekannten Figuren. Es handelt sich um Herz und Schmerz, um Krieg und Frieden, um das Drama und die Spannung. Es handelt sich um die Spitzen des Lebens, nicht um den normalen Alltag.

Es ist eine übersichtliche Welt, die mit einfachen Geschichten auskommt, die jeder versteht. Es geht um das konkrete und wahrnehmbare menschliche Erleben. Daher spielen Mythen, Archetypen und Dämonen eine ebenso große Rolle wie die konkrete Natur, die freilich die der mittleren Breiten ist.

Und erstaunlich ist, dass die Figuren der Kindheit dort wiederkehren. Es sind Wesen, die schon in sich ausrücken, wofür sie stehen, die Feen, die Drachen, die Weisen, die Kinder und und und. Unter den Menschen wird aber auch bei jeder Figur klar, für welche der Persönlichkeit und Rolle sie steht: der Greise, die üppige Frau, der Prinz, der Böse, der Kämpfer usw.

Es ist eine eigenartige simple Welt, die meist menschliche Auseinandersetzungen in den Mittelpunkt stellt. Es sind Dramen mit dem Ausgang in beide Richtungen, der Vernichtung und dem ewigen Sieg.

Aber gleichzeitig wohnt den Personen Übermenschliches inne: sie verfügen über eine magische Klaviatur, sich die Kräfte der Natur eigen zu machen oder ihnen zu trotzen sowie sozialen Einfluss zu nehmen, also Menschen zu begeistern und zu führen.

Fantasy scheint mir manchmal wie eine einzige Ansage an die Komplexität der Moderne: alles ist erlaubt bis auf das Eingehen auf das heute und jetzt. Deswegen ist es ja eine Phantasiewelt, die nicht besteht und niemals kommen wird.

Insoweit stellt es eine Flucht dar, wohltuend und entspannend. Sie berührt weder Leser noch Zuschauer. Sie entlastet vom Alltag. Vor allem spiegelt sie auch nicht und lässt somit Querverbindungen und Assoziationen kaum zu.

Fantasy ist wie eine Bild gebende Droge. Man findet sich in einem georderten, auf- und erregenden, aber niemals bedrohenden Tripp wieder. Es lebe die Ausflucht, die uns entspannen lässt!

Wir sehen uns dann allenfalls oben

Beim Warten in einer Schlange saß plötzlich ein älterer Herr in seinem Rollstuhl neben mir: er faselte – aber mit einem Lächeln. Er macht sich lustig, dachte ich erst. Denn er formulierte seine Assoziationen zu der Schlange von Menschen, die er beobachtete. Man musste aus den Wortfetzen den Eindruck gewinnen, dass er sich lustig machte. Doch hatte er ein so gütiges Gesicht mit blitzenden freundlichen Augen, dass man keine Bedrohung empfand oder Notwendigkeit zur Gegenwehr sah. Zudem sass er ja durch seine Behinderung gefesselt in einem Rollstuhl.

Wäre er betrunken, flätig oder riechend gewesen, hätte man sich umgehend abgewandt. Jedenfalls machte er genauso wie ein Obdachloser seltsame Dinge, von denen sich der Mensch brüsk abwendet, weil sie nicht vertraut sind. Nur bei Kindern ist dies anders. Aber er löste eher eine grundsätzliche Sympathie aus.

Plötzlich kehrte seine Begleiterin, wohl Frau zurück, die ihn schalt und bedeutete, besser zu schweigen als „die Leute zu belästigen.“ Instinktiv verdammte ich die Frau, den Mann zu unterbrechen. Er sprach doch nur. Andererseits kann man nachvollziehen, dass er als ständiger Begleiter durchaus aufdringlich werden kann.

Sie schob ihn schließlich fort, er lächelte nur ob ihres Tadels – und uns zugerichtet: „wie sehen uns dann ohnehin da oben auf dem Spielplatz‘“.

Hauptsache Spaß

Die Menschen aus Afrika und der Karibik sind für jeden Spaß zu haben und gehen keinem Spaß aus dem Weg. Es ist immer lustig mit ihnen. Man könnte meinen, sie wären nur und ausschließlich dafür auf der Welt. Alles muss dahinter zurückstehen.

Wenn man nun Länder aus diesen Regionen als rückständig bezeichnet, so geht der Eurozentriker davon aus, dass er die Messlatte für richtiges Benehmen setzt. Und wahrscheinlich hat er auch Recht: denn die Spaßeshaltung führt nicht dazu, sich für materiellen Fortschritt zu engagieren und sein Leben zu opfern. Denn gerade im Immateriellen liegt für diese Menschen der Kern des Lebens.

Ist also Spaß und Humor eine Wachstumsbremse? Das ist vermutlich so einfach nicht zu sagen! Man kann sich auch der Frage widmen, wie Innovationsgeist und Humor korrelieren. Vielleicht gibt es dazu ja schon Forschung – was ich jedoch leider nicht weiß. Jedoch lässt sich auch eine gewisse Annäherung per Augenschein vornehmen. Nehmen wir Philosophen und Denker: ist von denen Humor überliefert? Es sind gewiss nicht Kant und Heidegger: der eine saß permanent in seiner Stube, der andere durchwanderte den Schwarzwald. Zumindest könnte man ahnen, dass Zweideutigkeiten ein kleines Werkzeug des Denkens sind; zum einen schreiben viele Denker in autoritären Regimes; zum anderen könnte man sich so Gedankenspielereien widmen. Aphorismen sind von einer Reihe von Denkern überliefert – teils mit Spuren von Humor, teils nicht. Schopenhauer wäre so ein Vertreter.

Auch Politiker werden gerne und häufig zitiert – selbst wenn ihr Image schlecht ist. Haben sie es ist einmal zum Status des Staatenlenkers geschafft, so wird ihnen alles als tief durchdacht abgenommen. Die gesamte politische Klasse scheint mir weniger korrupt als äußerst geistreich und eben offen für Entcullungen. Persönlich könnte ich mich bei derzeitigen Politikern wie Schäuble, Lammers oder Merkel davon überzeugen. Auch Clinton oder Obama sind geradezu witzig. Der Star ist und bleibt jedoch Churchill, der unfassbare bon mots hinterlassen hat.

Ob nun Wirtschaftslenker ausgewiesenen Humor haben, weiß ich nun auch nicht. Auch gibt es zumindest keinen, der auffallen würde bzw. das in der breiten Öffentlichkeit demonstrieren könnte. Vielleicht sind eben Unternehmer zu fokussiert, zu ehrgeizig. Vielleicht ist auch der Humor ein Hindernis – oder hat eben im Weltbild des Profiteure keinen der Platz.

Wirksam für die Entwicklung von Innovationen sind mehrere Faktoren, wenn man den Kognitionsforschern folgt. Denn Offenheit und Phantasie des Geistes muss man schon haben; auch die Chance, gleichförmige Routinen durchbrechen zu können. Das Zulassen von Un-Sinn, das Durchspielen von Szenarien spielt eine große Rolle.

Also könnte es doch sein, dass der Humor eine ständige Innovation ist? Sucht man nicht die Absurditäten, also die Abweichungen von der Normalität? Könnte man nicht so viel einfacher auf bessere Lösungen stoßen?

Schwer zu sagen, ob die Haltung des Spaßmachens uns hilft.